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Carstens Psychoonkologie-Kolumne
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Carsten erzählt: Warum Urlaub manchmal notwendig ist

Wenn du nur noch funktionierst, ist es Zeit für einen Reset: Carsten erzählt, warum Urlaub während und nach der Therapie helfen kann, wieder Kraft zu schöpfen und dir selbst neu zu begegnen.

Darüber plaudert Carsten heute: 

  • Warum „Funktionieren“ auf Dauer die Seele auffrisst. 
  • Wie der Ausbruch aus der Patient:innenenrolle neue Kraft schenkt. 
  • Warum Urlaub und Reha zwei völlig verschiedene Paar Schuhe sind. 

Aus gegebenem Anlass (ich war in Thailand) möchte ich heute das Thema “Urlaub” angehen. Man könnte es auch „Auszeit“ nennen, oder am besten „Reset“. Denn was das Ganze bringt, ist tatsächlich eine Zurückbesinnung, auf alles, was man außerhalb von Krebs und Therapie ist. 

Wann warst du das letzte Mal einfach nur du selbst? Nicht „der Krebspatient“, nicht „die Betroffene“, sondern die Person, die käsesüchtig ist, Bon Jovi unter der Dusche grölt, über abgrundtief schlechte Witze lacht und am liebsten stundenlang aufs Meer starrt? Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es während der Therapie schnell passieren kann, dass man die eigenen Bedürfnisse zurücksteckt, weil man nur noch eines tut: funktionieren.  

zombieartige Figur mit Mundschutzmaske
Krebsalltag im Zombie-Modus? Höchste Zeit für eine Rauszeit. (Foto: Unsplash/Julien Tromeur)

Das Ende der Kapazität – der Anfang des Urlaubs? 

Ich kenne das ja: Während man mittendrin steckt, merkt man oft gar nicht, wie überarbeitet man eigentlich ist (ja, Therapie ist auch Arbeit!). Man spult halt das Programm ab – Arzttermine, Behandlungen, nicht komplett abreihern, etc. Eine Zeit lang mag das klappen, aber irgendwann fühlt man sich wie ein Akku, der konstant auf 5% läuft: Das Display leuchtet noch, aber für komplexe Anwendungen fehlt einfach die Kraft. 

Wenn du also merkst, dass du zu erschöpft bist, um dich auf andere oder auf deine Selbstfürsorge einzulassen, dann bist du, so behaupte ich, urlaubsreif. 

Carstens Psychoonko-Kolumne  

Warum ist Carsten Psychoonkologe geworden? Grund war eine hautnahe Krebserfahrung, im zarten Alter von 24. Die Zeit war jedoch nicht nur schwer, sondern auch lehrreich. 14 Jahre nach seiner Diagnose ist er, trotz schlummernder Metastasen, das blühende Leben selbst, läuft Marathons und hilft mit seiner positiven Art und seinem ausschweifenden Wissen jungen wie alten Krebspatient:innen beim psychischen Waschgang. Jetzt auch in geschriebener Form! Das Kurvenkratzer Magazin präsentiert “Carstens Psychoonko-Kolumne” (inklusive schwarzem Humor und hochdosierter Empathie). Seine ganze krasse Geschichte kannst du hier nachlesen! 

Ausbruch aus der Patient:innenrolle 

Ein unterschätztes Problem bei einer Krebstherapie ist die totale Reduktion. Rollen, die dich früher vielleicht definiert haben – der Job, das Hobby, Freundschaft oder die Verantwortung im Verein – oft fällt alles auf einmal weg. Übrig bleibt gefühlt nur noch die „Patient:innenrolle“. Und Gott, wie anstrengend ist es bitteschön, immer nur auf die eigene Hilfsbedürftigkeit reduziert zu werden? 

Ständig dreht sich alles um die körperlichen Leiden: Jeder Blick in den Spiegel, jedes Gespräch mit Freund:innen erinnert dich daran. Ein Urlaub ist da wie ein Reset-Knopf. In der Ferne fragt kein Schwein nach den Blutwerten. Dort ist man einfach ein Schwein, ähh Mensch, unter vielen. Dieser Rollenwechsel ist kein Weglaufen, sondern manchmal echt notwendig, um die eigene Identität jenseits der Diagnose wieder zu spüren. 

Der Notfall-Rucksack: Sicher reisen 

Natürlich sollte niemand blauäugig in die Weltgeschichte geschickt werden, während die Blutwerte im Keller sind. Der Körper ist in dieser Zeit besonders anfällig. Mit einem geschwächten Immunsystem sollte man nicht unüberlegt irgendwohin reisen. 

  1. Der Realitätscheck: Sprich mit deinem Behandlungsteam. Ein Urlaub weit in der Ferne muss gut geplant sein. Es gibt auch Situationen, in denen Urlaub nicht sinnvoll ist, etwa wenn medizinische Entscheidungen anstehen oder engmaschige Kontrollen notwendig sind. In dem Fall solltest du lieber in der Nähe bleiben. 
  2. Der Backup-Plan: Essenziell! Weißt du, wo die nächste Klinik am Urlaubsort ist? Nimm alle wichtigen Dokumente zumindest digital mit. 
  3. Kraftorte wählen: Nicht jeder Ort ist der richtige Ort. Idealerweise verzupfst du dich an einen, an dem du dich schon einmal wohlgefühlt hast – einen Kraftort eben. Vertrautheit kann Sicherheit geben, während zu viele neue Eindrücke überfordern können. Ich war damals zum Beispiel am Bodensee – bloß zwei Stunden entfernt von meiner Heimat Freiburg, aber bereits ein ganz anderes Gefühl. 
  4. Nicht allein: Alleine zu verreisen, würde ich in dieser Phase eher nicht empfehlen. Man ist während der Behandlung normalerweise gut betreut – medizinisch und sozial – und von 100% Unterstützung plötzlich auf null zu gehen, kann echt belastend sein. Eine vertraute Person, der man sich öffnen kann, ist da Gold wert. 

Klar kannst du dich auch bewusst für eine große Reise entscheiden, vielleicht. um dir noch Wünsche zu erfüllen. Manchmal ist es leider eine “Jetzt-oder-nie”-Frage. Was dich glücklich macht, ist meist das Richtige – wichtig ist nur, alles mit deinem medizinischen Team abzsusprechen, ein gutes Sicherheitsnetz zu haben und vorbereitet zu sein. (Anm. d. Red.: Wir haben da einen sehr inspirierenden Artikel über eine Frau, die während Krebs und Covid eine Weltreise durchgezogen hat.) 

Reha oder Urlaub? 

Wann braucht man was? Das kommt ganz auf deine derzeitige Situation und Bedürfnisse an. Denn im Endeffekt sind das zwei völlig unterschiedliche Zielsetzungen. 

  • Reha bedeutet Struktur: Hier wirst du gefördert und gefordert. Du investierst aktiv Zeit und Kraft in dein „neues Ich“, lernst, Bewegung in deinen Alltag zu integrieren und Perspektiven für die neue Normalität zu entwickeln. Du bleibst also quasi aktiv in der Auseinandersetzung mit der Gesundheit. 
  • Urlaub bedeutet Freiheit: Hier darf die Krankheit auch mal weggeschoben werden. Es geht um Erholung, um Leichtigkeit und das Sammeln von Genussmomenten. Urlaub ist kein Ersatz für eine Reha, sondern die Erlaubnis, die Seele einfach mal baumeln zu lassen, ohne ein „Programm“ absolvieren zu müssen. 

Zurück in die Zukunft: Neue Normalität 

Auch wenn die Therapie schon vorbei ist: Die mentale Verarbeitung fängt meistens erst an, wenn die körperliche Behandlung durch ist. Die Angst vor dem Rückfall, die Endlichkeit – das alles braucht Platz, um verarbeitet zu werden. 

Und da kann es dann passieren, dass man durch die neugewonnenen Perspektiven realisiert, dass das alte Leben so gar nicht mehr passt. Das mag beängstigend oder aufregend sein, eines ist es aber sicher: der erste Schritt in ein neues, bewussteres Leben. 

weißer Sandstrand mit Palme und Bäumen
Ob einsame Insel oder nur ein paar Kilometer vom Alltag entfernt – Urlaub schenkt dir neue Energie. (Foto: Unsplash/ K _georgi Kalaydzhiev)

Mein urlaubsreifes Fazit 

Was mich angeht: Der Urlaub hat Wunder getan. Nachher hatte ich plötzlich wieder Kapazitäten, mir Gedanken zu machen, was ich essen möchte, wann ich Sport mache oder wann ich mich um meine Psychohygiene kümmere, also quasi mit meinen Kumpels und Kumpelinnen abhänge. Ich lasse wieder neue Sachen in mein Leben, und vor allem hab ich auch Bock, wirklich etwas umzusetzen, statt nur zu funktionieren. 

Alles in allem finde ich, dass Urlaub kein Luxusgut für Gesunde sein sollte, sondern ein ärztlich verschriebenes Seelenbalsam für Menschen, die wieder mehr sein wollen als nur ein medizinischer Befund. Also, sei ehrlich zu dir selbst: Funktionierst du nur noch? Kannst du dir eine Auszeit erlauben? Dann ab in den Urlaub! 

Quellen und Links zum Weiterlesen: 

Titelbild: Britt Schilling/Kurvenkratzer

Über die Serie

Carstens hautnahe Krebserfahrung im zarten Alter von 24 hat ihn zum Meister der krebsverwandten Gefühlswelt gemacht. 14 Jahre nach seiner Diagnose hilft er als Psychoonkologe jungen wie alten Krebspatient:innen beim psychischen Waschgang. Jetzt auch in geschriebener Form! Das Kurvenkratzer Magazin präsentiert “Carstens Psychoonko-Kolumne” (inklusive schwarzem Humor und hochdosierter Empathie). 

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