Ich versuche, beim Gehen zu meditieren
Meditation in Bewegung: Durch achtsames Gehen findet Kurvenkratzer-Redakteur Dave einen Zugang zu Ruhe und Präsenz, der mitten im Alltag funktioniert.
Was dieser Selbstversuch offenbart:
-
Warum Achtsames Gehen die perfekte Meditationsalternative zum stillen Sitzen ist.
-
Wie du Schritt für Schritt im eigenen Wohnzimmer mit der Meditation startest.
-
Warum dir feste Rituale und langsames Tempo den Alltag erleichtern.
Hallöchen. Redakteur Dave hier. Ich muss euch was gestehen. Obwohl ich von mir behaupten würde, dass ich ein einigermaßen bewusst lebender Mensch bin, gibt es für mich nichts Schwereres, als einfach nur still da zu sitzen und zu meditieren. Vielleicht habe ich anno 2018 mal sieben Sekunden geschafft, ohne von einem hübsch glänzenden Gedanken davongetragen zu werden. Dabei kann ich so gut genießen. Stehe ich unter der Dusche, oder fahre mit offenem Fenster Auto, bin ich ein allwissend grinsender Buddha. Was ist da los?
Irgendwann habe ich realisiert: Nein, halt, ich kann meditieren! Aber nur, solange mein Körper sich mit Automatismen beschäftigt, und mein Hirn nicht ablenkt. Als ich einer Freundin von meiner kleinen Realisation erzähle, nennt sie mir das alles verändernde Stichwort: “achtsames Gehen.”
Achtsames Gehen ist langsam, irgendwo zwischen Leerlauf und erstem Gang. Ein Sonntagsspaziergang ist reinster Stress dagegen. Hier geht es nämlich nicht ums Weggehen oder Ankommen, nicht mal ums Draußen-Sein.
Nein, hier geht es um Präsenz und ums Fühlen. Gerade, wenn dir alles zu viel wird und du glaubst, dass du gar nicht mehr richtig mitbekommst, was um dich passiert, weil du so voll mit Gefühlskrams oder Medikamenten bist, liegt hier vielleicht ein alltagstauglicher Ausweg.
Level 1: Wohnzimmer (Anfänger:innen)
Ich bin selbst ordentlich gestresst, als ich anfange, achtsam zu gehen. Und wie ich nun mal so bin, beginne ich am falschen Ende – nämlich draußen. Mein Ziel war es, meine Umgebung bewusster und intensiver wahrzunehmen. Laut den professionellen Stimmen aus dem Internet ist das aber erst für Fort-geh-schrittene. “Hah!”, platzt es aus mir raus. Der Wortwitz hat mich überzeugt – also geh ich ein paar Schritte zurück: in mein Wohnzimmer. Wo keine ablenkenden Sinneseindrücke dazwischenfunken.
Also gehe ich. Gaaaaaanz laaaaangsam. Zehn Schritte Richtung Fenster. Fast anstoßen, geschmeidig umdrehen, zehn Schritte in die andere Richtung. Alles fühlt sich zuerst komisch an, weil ich in meinem Leben noch nie so langsam gegangen bin. Aber nach der achten Länge oder so, wird mir langsam bewusst, wie sehr mein Körper eigentlich auf Autopilot läuft. Normalerweise denke ich nicht darüber nach. Jetzt aber schon. Dann realisiere ich, dass ich einen Gedanken denke. Pfh, pfh – wegblasen, weitermachen.
Ich achte wieder darauf, wie sich meine Fußballen immer wieder vom Boden lösen und wieder aufsetzen. Wie sich mein Gewicht verlagert, und wie daraus der nächste Schritt entsteht.
Ich fange an, meinen Atem mit den Schritten zu koppeln. Einatmen, zwei Schritte. Ausatmen, nochmal zwei. Oder irgendwie so. Ein Rhythmus fährt mir ins Gebein. Und je mehr ich mich darauf einlasse, desto mehr fällt mir diese gleichmäßige Abfolge auf: Spannung, Entspannung, Gleichgewicht. Ich bin drin. Solange ich mich an diesen Rhythmus hefte, fließe ich mit dem Fluss.
Level 2: Garten (für Fortgeschrittene)
Normalerweise tu ich mir außergewöhnlich schwer, Routinen zu etablieren. Das achtsame Gehen stellt sich aber als eine angenehme Ausnahme heraus. Ich brauche keine Yogamatte oder Fitnessgeräte, geschweige denn ein Kloster. Nur einen Boden, auf dem ich in jeder nervigen Wartezeit, in der ich sonst mein Handy zücken würde, eine kleine Gehsession veranstalte.
Mit der Zeit etabliere ich einige Praktiken, um mir das achtsame Gehen leichter zu machen.
Mir ist beispielsweise aufgefallen, dass es mir sehr schwerfällt, das Tun des Alltags vom Ruhen der Meditation zu trennen. Ich brauche also eine symbolische Barriere – ein Ritual, das den Übergang in die Ruhe markiert. Ganz nach japanischem Vorbild wurde das Teemachen zu meiner Routine. Behutsam brühen und trinken, die Wärme im Bauch fühlen und schon wussten Körper und Geist, dass jetzt ein ruhigerer Teil des Tages anbricht.
Generell habe ich aufgehört, Gedanken wegzupusten. Stattdessen akzeptiere ich sie, und zähle meine Schritte, um meinen Arbeitsspeicher mit etwas zu beschäftigen, das mit dem Gehen zu tun hat.
Level 3: Die große Welt (für noch Fortgeschrittenere)
Nach ungefähr zwei Wochen semi-disziplinierter Geh-Sessions, habe ich mich als bereit befunden – für die große Welt vor meiner Haustür. Ich merke sofort, wie sehr meine Schritte normalerweise von irgendwas gezogen werden – To-dos, Zeitdruck. Aber dank meines Wohnzimmertrainings kennt mein Körper das ganze Prozedere schon – er hat mittlerweile gecheckt: Wenn ich so langsam gehe, gibt’s nichts mehr zu tun als das, was ich schon tue. Der Schritt wird leichter.
Nach einer Weile fange ich an, mit der Aufmerksamkeit meiner Sinne zu spielen. Mal höre ich bewusst hin (“Ist das ein Rüüüüde?”), mal nehme ich Gerüche wahr (Pommesfett), mal beobachte ich, konzentriere mich auf kleine Details und versuche, nicht zu urteilen (das hätte der arme Pflasterstein auch nicht verdient). Dann wieder zurück zum Atem oder dem Abrollen des Fußballens. So bleibe ich mit dem entspannten, aber unaufhaltsamen Rhythmus verbunden.
Das Selbstversuchs-Fazit
Ganz so einfach, wie ich es mir vorgestellt habe, war achtsames Gehen dann doch nicht. Um eine kleine Eingewöhnung kommt man nicht herum. Aber wenn man das erstmal geschafft hat, ist die Gehmeditation eine der praktischsten Übungen, die es gibt, um mitten im Alltag kurz auszusteigen und zu sich selbst zurückzufinden.
Mir hat es jedenfalls sehr dabei geholfen, mich überhaupt wieder an Meditation heranzutasten. Einsteigerfreundlich – große Empfehlung!
Quellen und Links:
- Die Plattform mindful.org zeigt, wie sich achtsames Gehen einfach in den Alltag integrieren lässt und welche positiven Effekte eine regelmäßige Praxis haben kann.
- Die Seite des Deutschen Fachzentrums für Achtsamkeit (DFME) erklärt Grundlagen und Ablauf der Gehmeditation und gibt konkrete Anleitungen für Einsteiger:innen.
- Auf achtsamleben.at findest du praxisnahe Tipps, wie achtsames Gehen funktioniert und wie du deine Wahrnehmung dabei gezielt schulen kannst.
- Der Beitrag der AOK beschreibt Gehmeditation als niederschwellige Entspannungsübung und erklärt, wie sie Stress reduzieren und das Wohlbefinden steigern kann.
Titelbild: Unsplash/Thomas Oxford
Über die Serie
Dass wir bei Kurvenkratzer Fans von Achtsamkeit sind, ist wirklich kein Geheimnis. Egal ob mit oder ohne Krebs, gemütliche Schildkröte oder emsiger Duracell-Hase, wir alle kennen dieses Gefühl: 37 offene Tabs im Kopf, irgendwo läuft noch Musik und niemand weiß mehr, wo sie herkommt.
Genau da setzen wir an. Unsere Redakteur:innen geben persönliche Einblicke in ihren Alltag mit Achtsamkeit. Wir teilen, was für uns funktioniert und was eher nicht. In kurzweiligen Artikeln berichten wir von unseren Erfahrungen mit der achtsamen Ecke des Lebens. Wo wir nur das behalten, was sich nicht nach Bullshit anfühlt. Ehrlich, ungeschönt und ohne so zu tun, als hätten wir alles im Griff.
