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Krebs und Reisen - Birgits Sinneswandel
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Wie man trotz Krebs um die Welt reist

Birgit ist eine vielgeprüfte Bewältigerin, die von einer Weltreise träumt. Doch einige Gründe halten sie davon ab, diesen Traum zu verwirklichen. Allen voran Krebs, die Pandemie, und ein 60-Stunden Job beim Theater. Es folgt der Beweis, dass der Glaube an die eigenen Träume der ultimative Kraftspender ist.

Reisen X Krebs Sinneswandel Birgit

Es kommt vor, dass ein Mensch mehrere Träume hat, die sich ein wenig im Weg stehen. Meist übertrumpft der Traum, der Geld generiert, jenen, der es frisst. Sprich Leidenschaft und Sehnsucht. Von der Leidenschaft kann Birgit eine Arie singen. Schon seit sie zu Schulzeiten Reclamhefte verschlang, war klar, dass ihr Weg zum Theater führen würde.  

Aber wer Birgit kennt, der weiß, dass sie fürs Schauspielen nicht der Typ ist. Nein, nein – als Regisseurin dirigiert sie hinter den Kulissen und tobt sich kreativ aus. Birgit ist die introvertierte Sorte Mensch, die Smalltalk nichts abgewinnt, die Langeweile nur vom Hörensagen kennt und deren Hochsensibilität sie die Welt intensiv und ungefiltert wahrnehmen lässt. 

Jaja, die Welt, so wunderschön und abwechslungsreich. Birgits große Sehnsucht ist es, sie in ihrer Vielfältigkeit zu erleben. Eine Weltreise, ja das wär’s doch! Aber beim Theater ist die Entlohnung äußerst bescheiden und 60-Stunden-Wochen sind keine Seltenheit.  

Aber im wortwörtlichen Sinn der Leidenschaft empfindet sie die intensive Arbeit für lange Zeit nicht als Belastung und stellt den Traum vom Reisen hinten an. Außerdem lernt sie dort ihren Mann Cristo kennen, ihren unerschütterlichen Fels in der Brandung und späteren Reisepartner. Aber eins nach dem anderen. 

roter Theatervorhang mit Publikum davor
Theaterwissenschaften studiert, beim Film gearbeitet, dann Regieassistentin und schließlich Theaterregisseurin - das Theater ist Birgits große Liebe. (Foto: Pexels/Monica Silvestre)

Krebs?! 

Die Jahre wehen vorbei, private Baustellen tun sich auf. Birgit kümmert sich viel um andere und neigt dazu, sich selbst zu vergessen. Währenddessen lässt das Theaterleben in seiner Intensität nicht nach und Birgit fühlt sich immer öfter müde und erschöpft. Sie findet sich bei Ärzt:innen wieder, die ihre Symptome nicht besonders ernst nehmen. Immerhin trägt sie schon länger eine rheumatische Autoimmunerkrankung mit sich rum.  

Krebs. 

“So jung bekommt man noch keinen Krebs.” So wimmelt der Vertretungsarzt die 39-jährige Birgit an einem Tag im Frühjahr 2019 ab. Eine Überweisung zur Mammographie steckt er ihr jedoch zu. Eine Stanzbiopsie zur Sicherheit später erhält sie einen emotionslosen Anruf, der ihr die Diagnose Brustkrebs entgegenschmettert.  

Im nächsten Moment findet sie sich in einer Maschinerie von Arztterminen, stickiger Krankenhausluft und gefühlt tausenden Untersuchungen wieder. Ihr Tumor der Sorte “her2neu” ist ein aggressiver Untertyp. Eineinhalb Jahre AllInclusive Akuttherapie stehen ins (Kranken-)Haus, dessen Anblick sie mit dem Gefühl überwältigt, rein- und nie wieder rauszugehen. Der Katapultflug aus ihrem normalen Leben lässt sie die Fragilität der Zeit spüren. Der Traum vom Reisen taucht wieder auf. Was, wenn ich sterbe? Ich wollte doch die Welt sehen. 

Birgit werden vor einem Spiegel die Haare abrasiert
Birgit bekommt anfangs keine gute Prognose: zu viele Ungewissheiten hinsichtlich Metastasen. (Foto: Birgit)

Reise? 

Aufgrund der wenigen Leukozyten befindet sich Birgit bereits fast ein Jahr in Quarantäne, als der Rest der Welt mit der Pandemie Folge leistet. Reisen ist 2020 ein Unding und keiner weiß, wie lang es dauert, bis dieser Sturm vorbeigezogen ist. Birgit kann kaum vor die Tür, es fehlen ihr die weißen Blutkörperchen. Es scheint wie der absurdeste Zeitpunkt überhaupt, um einen Globetrott zu planen. 

Mitten in der Akuttherapie mit all ihren Einschränkungen, Nebenwirkungen, Ängsten und Unsicherheiten erweist sich der Planungsprozess als mentaler Anker, der ihr Hoffnung spendet. An schlechten Tagen schließt sie die Augen und stellt sich vor, wie es sich anfühlt, durch den Regenwald von Costa Rica zu laufen oder in den Großstadttrubel von Bangkok einzutauchen. Dass sie anstatt angsterfüllter Wartezimmer bald die schönsten Orte dieser Welt anschauen wird, scheint lange unmöglich. 

Auf der nächsten Seite macht Birgit aus „unmöglich“ „möglich“ und reist eeendlich um die schöne Welt.

Über die Serie

Jeder Mensch hat zwei Leben. Das zweite beginnt dann, wenn du realisierst, dass du nur ein Leben hast, und die Welt sich anders anfühlt. Durch den massiven Eingriff von Krebs & Co findet ein Sinneswandel statt. Falls dein Lebensweg bisher an Sinn vermissen ließ, wird das im Angesicht der Endlichkeit furchtbar klar.

Die Sinneswandel-Serie beschäftigt mit der Vielfalt an Bewältigungsstrategien, die Krebspatient:innen entwickeln, um mit all den weitreichenden Veränderungen umzugehen. Coping ist eine Kunst, und Kunst sensibilisiert die Sinne. Durch unsere Community wissen wir: Manche haben besonders kreative und authentische Ansätze gefunden. Sie haben inspirierende Geschichten gelebt, Prüfungen bestanden, schwere Entscheidungen getroffen – und wir entnehmen die Essenz dieser Lebenswege und gießen sie in tieftauchende Porträts.

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