Leberkrebs: Wir räumen mit Babett alle Vorurteile auf
Pink October schön und gut, aber es ist auch Leberkrebsmonat. Ein Krebs, der keineswegs nur Trinker:innen trifft. Zusammen mit Dr. Babett Baraniec prüfen wir verstaubte Vorurteile auf ihren Wahrheitsgehalt.
Du bist hier richtig, wenn…
- du verstehen willst, warum Leberkrebs nicht immer mit Alkoholkonsum zu tun hat und welche Ursachen es sonst gibt.
- du wissen möchtest, wie Vorurteile selbst die medizinische Behandlung und das Umfeld von Betroffenen beeinflussen.
- du konkrete Tipps suchst, wie du dich gegen Schuldzuweisungen schützt und im Alltag ohne Rechtfertigungsdruck konterst.
Hallodrio, wir haben Oktober. Nicht nur ist das dementsprechende Fest im Gange. Da ist noch etwas anderes – wenn du durch Social Media scrollst, durch die Einkaufsstraße gehst – überall rosa Schleifen. Pink October. Brustkrebs-Awareness an jeder Ecke. Schön, schön. Wenn du wissen willst, was der Brustkrebsmonat tatsächlich über die Jahre bewegt hat, dann lies hier weiter.
Aber Aufmerksamkeit lässt sich nicht allzu gut teilen. Und somit geht eine andere Farbe völlig unter: Smaragdgrün. Die offizielle Schleifenfarbe für Leberkrebs. Eine Krebsart, die nicht so häufig im kollektiven Gedächtnis präsent ist, aber trotzdem gern mit einem Haufen Bullshit belastet wird. Was für uns umso mehr bedeutet, dass man über sie reden sollte. Deswegen unterziehen wir den Leberkrebs heute einer Grundreinigung in Sachen Vorurteile.
Denn wer die Diagnose Leberkrebs erhalten hat, sieht sich früher oder später mit diesem prüfenden Blick konfrontiert, der manchmal stumm, manchmal laut fragt: „Hat er oder sie etwa zu viel getrunken?“
Alkoholismus ist ein bekannter Risikofaktor, ganz klar. Aber als chronische Erkrankung trotzdem niemals ein Grund für Beschämung oder Stigmatisierung. Leberkrebs hat nunmal nicht nur die eine, sondern viele verschiedene Ursachen, die völlig unabhängig davon entstehen können.
Als große Vorurteilaufräumerin haben wir uns Dr. Babett Baraniec vom Krebs-Campus an Bord geholt. Ja, sie hat Leberkrebs. Nein, sie hat kein Alkoholproblem.
Dr. Babett Baraniec ist Biologin und Medizinpädagogin. Seit über 13 Jahren lebt sie selbst mit metastasiertem Leberkrebs, der auf dem Boden eines seltenen, hormonell bedingten Leberzelladenoms entstanden ist. Um die immense Lücke an verständlicher Aufklärung und Befähigung für Erkrankte zu schließen, hat sie den Krebs Campus gegründet – eine digitale Plattform, die Krebspatient:innen mit medizinischem Wissen, Handlungsfähigkeit und einer starken Community unterstützt. Für uns ist sie damit die ideale Expertin für diesen Artikel: Sie verbindet tiefes naturwissenschaftliches und medizinisches Fachwissen mit jahrelanger persönlicher Realität als Betroffene.
Fact-Check: Warum das Klischee medizinisch falsch ist
Dass alle Leberkrebspatient:innen Alkoholiker:innen sind oder waren ist nicht nur verletzend, sondern medizinisch schlicht falsch.
Schauen wir uns die faktenbasierte Realität an: Bei 80 bis 90 Prozent aller Betroffenen entsteht das Karzinom auf dem Boden einer Vernarbung des Lebergewebes, einer sogenannten Leberzirrhose. Die ist oft, aber nicht immer, der Grund für Leberkrebs. Schauen wir uns mal die Auslöser an:
- Nicht-alkoholische Fettleber (MASLD): In westlichen Ländern gehen mittlerweile rund 20 bis 30 Prozent der Fälle auf eine Verfettung der Leber zurück – ausgelöst durch Stoffwechselstörungen, Übergewicht oder Diabetes. Sie ist hierzulande der am schnellsten wachsende Risikofaktor.
- Virusinfektionen: Zusammen verursachen chronische Entzündungen durch Hepatitis B und C bis zu 40 Prozent der Fälle in Deutschland. Das Tückische: Hepatitis B kann das Erbgut der Leberzelle verändern und Krebs auslösen, ohne dass vorher eine Zirrhose entstanden ist.
- Alkohol: Ja, langjähriger hoher Alkoholkonsum ist für etwa 30 bis 40 Prozent der Erkrankungen verantwortlich. Aber selbst hier gilt: Alkoholismus ist eine komplexe Erkrankung, keine moralische Verfehlung.
- Leberzelladenome: In Babetts Fall ging keine Leberzirrhose voran, sondern ein äußerst seltenes Leberadenom, ausgelöst durch die Kombination aus Anti-Baby-Pille und Schwangerschaft.
- Aflaxotine (Schimmelpilzgifte): Das sind natürliche Toxine, die die DNA der Leberzellen verändern und gehören zu den stärksten Krebserregern überhaupt. Während sie in westlichen Ländern dank strenger Lebensmittelkontrollen kaum vorkommen, sind sie vor allem im tropischen Raum (u. a. Sub-Sahara-Afrika, Südostasien) ein großer Risikofaktor. Am liebsten entstehen die Aflaxotine durch Schimmelpilze auf falsch gelagerten Nahrungsmitteln wie Mais, Reis oder Erdnüssen.
Wie sich das im echten Leben anfühlt? Dazu Babett: “Ich hatte 2008 ein Leberzelladenom, das operativ entfernt wurde. Daraufhin habe ich die Pille abgesetzt, weil sie für mich ein Risikofaktor war. Als ich schwanger war, haben weder ich noch die Ärzt:innen daran gedacht, dass Schwangerschaftshormone ähnlich wirken. Durch diese ist dann ein anderes, unbekanntes Leberzelladenom sehr stark gewachsen.”
Meist ist das kein Problem, aber in einigen unwahrscheinlichen Fällen können diese Leberzelladenome zu Leberkrebs entarten.
„Und genau das ist mir passiert; ich hatte einfach Pech. Ich bin derzeit an einem großen Lebertumorzentrum, und dort beobachtet man seit Jahren, dass vermehrt junge Frauen diese Adenome haben.”
Das bedeutet im Klartext: Mehr als die Hälfte aller Betroffenen erkrankt völlig ohne Alkoholeinfluss. Und auch wenn Alkohol im Spiel war, musst du dich für deine Diagnose vor niemandem rechtfertigen.
Das Vorurteil ist real – und hat zwei Seiten
Weil Babetts Erkrankung durch eine unglückliche Fügung entstanden ist und nicht durch Alkohol, gilt sie bei Ärzt:innen als „Vorzeigepatientin“ – und profitiert dadurch oft unbewusst von einer bevorzugten Behandlung.
Sie zeichnet das Bild vom Arztbesuch: “Ich werde anders behandelt als vielleicht andere Leberkrebspatientinnen. Ich möchte niemandem etwas unterstellen, aber als relativ junge Frau, die so viel Pech mit der Schwangerschaft hatte, knien sich die Ärzt:innen besonders rein und ermöglichen Therapien, die Ältere mit einer Alkoholvergangenheit vielleicht nicht bekommen würden.“
Sie ergänzt: „Mir fällt bei Vorgesprächen oft auf, dass nicht gefragt wird: ‘Trinken Sie Alkohol?’, sondern direkt: ‘Sie trinken ja gar keinen Alkohol.’ Die Antwort wird vorweggenommen, weil man mich als Vorzeigefall sieht.”
Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die vermeintlich “typischen” Leberkrebspatienten, nämlich ältere Männer, die tatsächlich ein Alkoholproblem hatten, tendenziell nicht gleich ernst genommen werden, weil sie dem Vorurteil entsprechen.
“Man merkt die Vorurteile auch in Kommentaren auf Social Media. Da heißt es schnell: ‘Die oder der hat bestimmt Alkohol getrunken.’ Es kann durchaus vorkommen, dass im Kontext Lebertransplantationen diskutiert wird, ob das für Menschen mit alkoholbedingtem Leberkrebs verboten werden sollte.”
Babett findet das extrem stigmatisierend: „Alkoholismus ist eine schwere Krankheit, und jeder Mensch verdient die gleiche medizinische Versorgung, egal wodurch der Krebs entstanden ist. Wir sehen ähnliche Diskussionen ja auch bei Lungenkrebs und Rauchern.”
Mit dem Klischee, das alle Lungenkrebsler Raucher:innen sind, haben wir uns auch schon ausgiebig beschäftigt. Hier lang!
Die Schuldfrage: Was, wenn doch Alkohol im Spiel war?
Soso, Suchterkrankungen sind also keine Charakterschwäche, sondern ernstzunehmende Krankheiten. Babett apelliert hier an die Gleichberechtigung: “Ein Skifahrer, der sich das Bein bricht, wird schließlich auch operiert, obwohl er das Risiko eingegangen ist. Das Leben ist nun mal gefährlich. Prävention ist wichtig, aber weder muss man sie übertreiben, noch brauchen wir Schuldzuweisungen. Die Betroffenen machen sich ohnehin schon genug Vorwürfe.”
Also, niemand „verdient“ Krebs. Der hat zudem so gut wie immer mehrere Auslöser, die sich schwer auseinanderdividieren lassen. Alkohol ist zwar ein Risikofaktor, aber meist nicht die alleinige Ursache. Es gibt Menschen, die jahrzehntelang trinken oder rauchen und nie Krebs bekommen. Es erhöht das Risiko, aber im Endeffekt ist niemand schuld an seiner Krebserkrankung.
Babett ist mittlerweile seit 13 Jahren krebserkrankt und war zwischendurch trotzdem feiern: “Früher, als ich nur einmal im Jahr einen Tumor hatte und danach tumorfrei war, habe ich ab und zu ein Glas Wein mit Freund:innen getrunken. Da kamen von anderen manchmal Blicke oder Kommentare wie: ‘Das finde ich aber mutig, dass du Alkohol trinkst, wo du doch Leberkrebs hast’. Wenn jemand meine Handlungen bewertet, gibt mir das bei einem Glas ein schlechtes Gewissen, obwohl es auf medizinischer Ebene keinen Unterschied macht.”
Für Babett macht es keinen Sinn, streng auf alles zu verzichten: “Zu meinem 50. Geburtstag im November oder zu Silvester möchte ich auch mal mit einem guten Glas anstoßen.”
Wie du mit dem Vorurteil im Alltag umgehen kannst
Babetts Erfahrungen zeigen eindrücklich, wie tief Vorurteile sitzen können – egal welche Geschichte hinter einer Diagnose steckt. Doch wie kannst du selbst damit umgehen, wenn dir im Alltag oder in der Praxis mit Klischees begegnet wird?
Gerade jene, die dich nicht so gut kennen, neigen zu vorschnellen Urteilen, die verletzen können. Auch Ärzt:innen sind nicht perfekt und können schonmal unangebrachte Kommentare bringen. Ob du nun Zeit deines Lebens getrunken hast, oder nicht: Du musst dich nicht rechtfertigen. Aber du kannst lernen, deine mentale Energie zu schützen:
Wenn distanzlose Fragen oder Andeutungen kommen („Hast du früher etwa…?“), antworte kurz und bestimmt: „Leberkrebs hat dutzende Ursachen – von Genetik über Viren bis Diabetes. Mein Fokus liegt jetzt auf meiner Genesung, nicht auf Klischees.“
Falls ein Gläschen keine medizinischen Bedenken zulässt, sage kurz: „Mir ist das Risiko bewusst und ich nehme das gerade in Kauf. Es ist meine Entscheidung.“ Je nachdem, wer vor dir steht, kannst du auch sagen: „Ich finde es schön, dass du dir Sorgen um mich machst, aber du brauchst dir keine zu machen, ich passe gut auf mich auf.“
Du bist niemandem eine medizinische Akte schuldig. Wenn du keine Lust auf Erklärungen hast, sag klar: „Ich möchte heute nicht über meine Diagnose sprechen. Lass uns lieber darüber reden, wie es dir geht.“
„Ich weiß, dass Alkoholkonsum das Risiko begünstigt haben kann. Aber ich habe das Recht auf dieselbe medizinische Behandlung wie jede:r andere Krebspatient:in auch, und darum bitte ich Sie.“
Trenne dich von Energieräuber:innen. Suche dir Menschen, Selbsthilfegruppen oder psychoonkologische Begleitung, bei denen du dich nicht erst erklären oder rechtfertigen musst.
Was soll sich ändern?
Das Stigma lebt, so viel ist klar. Aber Leberkrebs im gleichen Größenmaß wie Brustkrebs gesellschaftlich aufzuarbeiten, sodass Vorurteile ins Licht gerückt werden, ist gar nicht so einfach. Gerade deshalb bräuchte es mehr Aufmerksamkeit, damit Betroffene nicht so einsam sind.
Babett wünscht sich dennoch mehr Öffentlichkeit für seltenere Krebsarten: “Quasi ein ‘pinkes Marketing’ für Leberkrebs. Uns fehlt die Lobby und es fehlt an schillernden Figuren, die für Aufklärung einstehen. Auch David Bowie hat seine Erkrankung erst ganz am Ende öffentlich gemacht. In Deutschland gibt es beispielsweise nicht einmal eine reine Selbsthilfegruppe speziell für Leberkrebs.“ Und ruft zu mehr Mut auf: „Ich fände es toll, wenn Betroffene mutiger an die Öffentlichkeit gehen, damit die Gesellschaft sieht, dass das ganz normale Menschen sind. So könnten Stigmata nach und nach abgebaut werden.”
Quellen und Links:
- Auf der Webseite des Robert Koch-Instituts findest du detaillierte Informationen zu Fachdiagnostik, Forschung und aktuellen Trends im Bereich der Hepatitisviren.
- Krebsdaten.de bietet fundierte Statistiken und Daten dazu, wie sich die Erkrankungs- und Sterberaten bei Leberkrebs in Deutschland entwickeln.
- Die Deutsche Leberstiftung stellt umfassende Infomaterialien zur Verfügung, die über Vorbeugung, Früherkennung und Behandlungsmöglichkeiten von Lebererkrankungen aufklären.
- Auf Fettleber.org erklärt ein übersichtlicher Artikel, welche Ursachen und Risikofaktoren – wie Übergewicht und Ernährung – zu einer Fettleber führen können.
- Babetts Krebs-Campus bietet verständliche Bildungsangebote und Informationen dazu, wie Krebserkrankungen entstehen und welche Therapiewege es gibt.
Titelbild: Unsplash/refocus
