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Die Geschichte von Sabine Hatzfeld
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Lungenkrebs: Know Your Enemy

Treffer, versenkt! Mittels Mutationsanalyse und innovativer Therapien können einige Arten von Lungenkrebs zielgenau behandelt werden – und mitunter verschwinden sogar bereits vorhandene Metastasen.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Das uralte Sprichwort passt auch zum Stigma, das Lungenkrebs-Betroffenen anhaftet. Dabei ist Krebs in vielen Fällen blanker Zufall und kein Selbstverschulden aufgrund eines schlechten Lebensstils. Vor allem jüngere Menschen, darunter viele Frauen, können auch „einfach so“ an Lungenkrebs erkranken, obwohl sie fit sind, nie oder nur sehr wenig geraucht haben und es keine Krebsfälle in der Familie gibt. Lungen zu haben reicht. Jedenfalls ernten Menschen mit Lungenkrebs argwöhnische Blicke nach dem Motto „Selber schuld!“, wo es doch vielfach einfach „Pech gehabt!“ lauten sollte.

Wenn die Luft wegbleibt 

Sabine Hatzfeld ist so ein Fall: sportlich, jung und Wenig-Raucherin. Bis sie eines Tages am Stepper im Fitnessstudio merkte, dass sie nicht genug Luft kriegt. „Ich habe gedacht, ich muss noch mehr trainieren, um meine Kondition zu stärken. Und dann ging es gar nicht mehr“, erzählt sie. Eine Armvenenthrombose führte sie in die Notaufnahme und war der Vorbote zu dem, was da noch kommen sollte. Nach zahlreichen Tests erhielt sie die Diagnose Lungenkrebs Stadium IV. Ein Riesenschock, auch weil der oder die typische Betroffene 70 plus ist und über Jahrzehnte geraucht hat wie ein Schlot – so das weit verbreitete Bild. 

Interviews Sabine Hatzfeld
Die Münchnerin Sabine Hatzfeld erkrankte als junge Frau an Lungenkrebs und startete nach einer Testung eine zielgerichtete Therapie. Heute engagiert sie sich im Verein zielGENau, dem Patienten-Netzwerk Personalisierte Lungenkrebstherapie, und berät andere Betroffene über Mutationen.

Aufbruch 

Als Redakteurin einer Fachzeitschrift und freie Lektorin, unter anderem für Reisebücher, folgte Sabine dem Impuls, gleich zu recherchieren, was das denn bedeuten kann. Das Ergebnis war niederschmetternd. Die Aussicht, fünf Jahre lang zu überleben, lag bei unter 1 Prozent. „Da löst sich die Zukunft, die du dir ausgemalt hast, vor dir auf. Ich habe mich gefühlt, als würde ich in einem Zug sitzen, der mit 300 km/h gegen den Berg fährt.“ Düstere Aussichten, die sich zum Glück heute deutlich aufgehellt haben, obwohl diese Zahlen immer noch im Netz herumgeistern. „Statistiken sind immer veraltet, die Prognosen ändern sich durch neue Therapien“, weiß Sabine aus Erfahrung. Denn ihre Diagnose fiel in eine Zeit, in der sich im Hinblick auf innovative Diagnostik und Behandlungen viel getan hat – und tut! 

Halt! Stopp! Aus! 

Nach einer Chemo, die sie gut vertrug, kam es leider zum Progress. Sabine wollte eine erneute Biopsie des Tumors, diesmal aber mit einer molekularen Testung der Gewebeprobe. „Wenn ich die nicht gemacht hätte, wäre ich heute nicht mehr hier“, sagt sie. Denn die Testung ergab, dass Sie einen seltenen ALK-positiven nicht-kleinzelligen Lungenkrebs hat – der gehäuft bei Jüngeren und Nie-Raucher:innen auftritt und nicht auf Immuntherapie anspricht, damals der nächste Schritt im Therapieplan. Die gute Nachricht: Ein Krebs mit einer solchen „Treibermutation“ wächst langsam und ist gut behandelbar. Schnell hochwirksam sind hier Tyrosinkinase-Hemmer, eine neuartige Medikamentenklasse, die ein Signal blockiert, das zum Krebswachstum führt. Will heißen: Der Krebs wird in die Schranken verwiesen und bildet sich ganz oft vollständig zurück. ALK-positive Patient:innen haben eine Prognose, die im Median mittlerweile sogar schon in Richtung von 10 Jahren marschiert. Nimm das, Statistik.

Ist das Kunst oder kann das weg?  

Bei Sabine gab es nicht den einen großen Tumor, sondern viele kleine beziehungsweise Metastasen. Ein diffuses Streuungsmuster. Auch typisch. „Wie wenn man mit dem Pinsel in den Farbeimer taucht und damit dann zack an die Wand spritzt“, veranschaulicht Sabine. Bizarre Kunst, die da im PET-CT leuchtet. Diese Lungenkrebsart hat dazu noch die tückische Eigenheit, ins Gehirn zu streuen. Sieben kleine Hirnmetastasen waren bei Sabine schon vorhanden. Durch die Tabletten bildeten sie sich jedoch komplett zurück, ganz ohne Bestrahlung. „Und ich habe sofort gemerkt, dass ich wieder besser Luft bekomme.“  

zielGENau informiert und vernetzt 

Für viele Mutationen sind schon seit Jahren maßgeschneiderte Therapien zugelassen, für EGFR beispielsweise seit 2009, für ALK seit 2012 – und heute neue Medikamente der dritten Generation. Andere Medikamente werden in Studien erprobt oder sind im Off-Label-Use verfügbar. Die richtige Diagnostik vorausgesetzt. Denn wenn die therapierbaren Mutationen bei den Betroffenen nicht erkannt werden, nützen die besten Medikamente nichts. Deshalb engagiert sich Sabine Hatzfeld auch seit Juni 2020 im Verein zielGENau, der Patientinnen und Patienten mit Lungenkrebs über molekulare Diagnostik, personalisierte Therapien und den Umgang mit Nebenwirkungen informiert, sie beim Aufbau von Gesundheitskompetenz unterstützt und miteinander vernetzt. Mit diesem Wissen im Rucksack können Patient:innen ihre Ärzt:innen dann gezielt fragen oder eine Zweitmeinung einholen. 

Kampf dem Stigma! 

Das Stigma, das Lungenkrebspatient:innen tragen, ist ein Riesenproblem, gegen das der Verein ankämpft. Junge Menschen mit einschlägigen Symptomen werden schon mal mit einem Asthmaspray abgespeist, weil viele Ärzt:innen diese „untypischen“ Fälle schlicht nicht auf dem Radar haben. Vor allem Allgemeinmediziner:innen müsse man sensibilisieren. Und auch die Möglichkeit der Testung ist längst nicht allen bekannt: In Deutschland ist jede fünfte von Lungenkrebs betroffene Person nicht getestet – und wahrscheinlich mehr.  

Dabei gibt es mittlerweile für ein Drittel der Patient:innen innovative Therapien, die ihr Leben verlängern und einen normalen Alltag erlauben. Viele Betroffene führen damit ein aktives Leben, arbeiten vielleicht wieder, reisen oder treiben Sport. „Jede und jeder kann sich testen lassen. Alle Patientinnen und Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungentumor sollten gezielt danach fragen – unabhängig von ihrer Rauchhistorie“, rät Sabine, die sich gerne auf ihr Fahrrad schwingt und auch mal 20- oder 30-Kilometer-Touren fährt. 

Wollt ihr noch mehr über die Geschichte von Sabine Hatzfeld und das Lungenkrebsdilemma erfahren? Hört doch in unseren wunderbaren Podcast mit Sabine rein, in dem wir all das und noch viel mehr besprechen!

Interviews Podcast COVER_Sabine Hatzfeld

Erkennen und behandeln 

Welche therapierelevanten Treibermutationen gibt es bei Lungenkrebs? Die Website vom deutschen Verein ZielGENau klärt umfassend dazu auf. Hier geht’s lang.

Über die Serie

Stark sein? Runterschlucken? Das Schicksal ertragen? Wir von Kurvenkratzer bekommen latenten Brechreiz, wenn wir derartige Sprüche hören. Und warum flüstern wir, wenn wir über Krebs reden? Ja, Krebs ist in unserer Gesellschaft leider noch immer ein Tabu. Studien zufolge trifft aber jeden zweiten Menschen im Laufe seines Lebens eine Krebserkrankung. Krebs ist also alles andere als eine gesellschaftliche Nische.

In unseren Interviews sprechen wir mit Menschen, die Krebs am eigenen Leib erfahren haben oder nahe Betroffene sind. Wir reden mit ihnen über den Schock, den Schmerz, Hilfe zur Selbsthilfe, Humor und Sexualität, sowie darüber, wie es gelingt, Mut und Hoffnung zu finden. Damit möchten wir dich motivieren: Wenn du das Gefühl hast, über deine Erkrankung sprechen zu wollen, dann tu es. Du bist nicht allein.

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