Zunehmen auf Rezept: einmal mehr bitte!
Abnehmen um jeden Preis? Warum Gewicht bei Krebs plötzlich eine größere Rolle spielt, Zunahme belasten kann und die Abnehmspritze nicht für alle die Lösung ist. Wir haben uns schlau gemacht.
Du bist hier richtig, wenn…
- du dich fragst, warum Gewicht bei Krebs plötzlich eine ganz andere Rolle spielt.
- du verstehen willst, warum Zunehmen manchmal notwendig – und gleichzeitig belastend sein kann.
- du wissen willst, ob Abnehmspritzen bei oder nach Krebs sinnvoll oder sogar riskant sind.
Gewicht ist oft ein Optimierungsprojekt – unser Körper eine Dauerbaustelle. Und wenn wir uns ehrlich sind: So richtig zufrieden ist man nie. Weniger auf die Waage zu bringen und die Kontrolle über das Essverhalten zu behalten, wird oft als Ideal angesehen. Mit einer Krebserkrankung kippt dieses Denken. Plötzlich geht es nicht mehr darum, Gewicht zu verlieren – sondern darum, es überhaupt zu halten. Oder wieder aufzubauen. Und genau das ist oft viel schwerer als gedacht.
Wenn „mehr essen“ nicht automatisch hilft
Viele Patient:innen verlieren während einer Krebserkrankung deutlich an Gewicht – und zwar nicht nur Fett, sondern auch Muskelmasse. Was viele nicht wissen: Bei vielen Betroffenen steckt eine eigene Erkrankung dahinter – die sogenannte Kachexie. Dabei baut der Körper trotz ausreichender Kalorienzufuhr weiter Fett und Muskelmasse ab.
Der Grund? Tumoren senden Signale, die dem Körper vermitteln, er sei unterversorgt – und zwingen ihn sozusagen in einen Dauer-Abbauzustand. Entzündungen, veränderter Stoffwechsel, fehlender Appetit durch Übelkeit und ein frühes Sättigungsgefühl sind an der Tagesordnung. Das macht Zunehmen zu einer echten Herausforderung.
Genau hier setzt neue Forschung an. Ein Forschungsteam aus Graz (Österreich) konnte ein zentrales Entzündungssignal identifizieren, das diesen Prozess mitsteuert. Erste Ansätze zeigen: Wenn man dieses Signal gezielt beeinflusst, könnte sich der Gewichtsverlust verlangsamen lassen. Ein neuer Wirkstoff namens R-Ketorolac wird aktuell bereits getestet – mit vielversprechenden Ergebnissen.
Aber bis daraus eine Standardtherapie wird, wird es noch dauern. Trotzdem zeigt es, wie komplex Gewicht bei Krebs wirklich ist – und dass „einfach mehr essen“ oft eben nicht die Lösung ist.
Gewichtszunahme während der Therapie
Genauso häufig – und oft genauso belastend – ist das Gegenteil: Wenn man plötzlich unkontrolliert während der Therapie zunimmt. Aber woran liegt das? Eine Gewichtszunahme während der Krebstherapie ist bei vielen Realität. Das liegt an mehreren Ursachen, die zusammenspielen:
- Kortison etwa. Das macht mehr Hunger, als dir lieb ist – und sorgt dafür, dass der Körper Wasser einlagert.
- Wenn wieder mal die Fatigue kickt, wird plötzlich selbst der Alltag anstrengend. Bewegung? Fehl am Platz. Mehr dazu, wie du wieder zur bzw. zum Alltagsathlet:in wirst, erfährst du im verlinkten Artikel.
- Therapien bringen den Hormonhaushalt durcheinander – und damit auch den Stoffwechsel.
- Essen ist plötzlich mehr als nur Nahrungsaufnahme – eher ein emotionaler Anker im Chaos.
Gerade hormonelle Veränderungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Bestimmte Therapien – etwa bei hormonabhängigen Krebsarten wie Brustkrebs – greifen gezielt in den Hormonhaushalt ein. Der Körper produziert weniger Östrogen oder dessen Wirkung wird blockiert. Das kann ähnliche Effekte haben wie die Wechseljahre: Der Stoffwechsel verändert sich und der Körper speichert Fett teilweise anders.
Gewichtszunahme kann also auch passieren, ohne dass du plötzlich anders isst. Was dabei oft vergessen wird: Gewichtszunahme ist hier kein Zeichen von „falsch gemacht“, sondern eine häufige Nebenwirkung der Behandlung – und damit Teil des Prozesses.
Was dabei entsteht, ist oft ein Gefühl von Kontrollverlust. Der eigene Körper verändert sich, ohne dass man aktiv etwas dagegen tun kann. Und das in einer Phase, in der ohnehin schon vieles unsicher ist.
Ganz wichtig:
Mehr Gewicht heißt nicht automatisch ungesund. Es kann sich aber trotzdem ungewohnt anfühlen – vor allem, wenn dein Körper nicht mehr dem entspricht, was „gesellschaftlich erwartet“ wird.
Während in unserer Gesellschaft oft der Fokus auf weniger Kalorien liegt, gilt bei einer Krebserkrankung oft das Gegenteil: Der Körper braucht Energie. Und zwar genügend.
Diät ist nicht gleich Diät
Bei einer Krebserkrankung ist eine ausreichende Kalorienzufuhr, Eiweiß für den Muskelerhalt und regelmäßiges Essen besonders wichtig. Fast alle Krebspatient:innen erhalten während ihrer Therapie einen ganz speziellen Diät- bzw. Ernährungsplan, der zur individuellen Therapie passt – nicht zu unterscheiden von einer Diät, bei der Abnehmen das Ziel ist.
Es geht also nicht um Kontrolle im Sinne von „ich muss jedes Salatblatt abwiegen“, sondern um therapieunterstützendes Essverhalten und Versorgung. Alles andere ist fehl am Platz. Einen Link zum Thema „Diäten während einer Krebserkrankung“, findest du am Ende des Artikels.
Und was ist, wenn man doch ein paar Kilos verlieren möchte, es auf natürliche Weise aber nicht schafft? Dann heißt das problemlösende Zauberwort „Abnehmspritze“. Oder?
Mit Spritzen zum Traumgewicht?
Die Abnehmspritze – wer kennt sie nicht. In den letzten Jahren wurden Ozempic, Wegovy & Co. zum absoluten Hype rund um das Thema Abnehmen. Diese Spritzen wirken, indem sie den Appetit reduzieren, das Sättigungsgefühl verstärken und die Magenentleerung verlangsamen. Das kann zu deutlichem Gewichtsverlust führen – solange das Medikament angewendet wird.
Und genau darin liegt das große Problem am scheinbar schlanken Ergebnis. Denn oft wird vergessen, dass nach dem Absetzen das Gewicht häufig zurückkommt.
Wechselwirkungen als Folge
Aber so wie viele Trends hat auch dieser seine Grenzen. Denn Abnehmspritzen können genau das verstärken, was bei Krebs ohnehin problematisch ist: Appetitverlust, Übelkeit und Magen-Darm-Beschwerden. Und genau das kann dazu führen, dass Therapien schlechter vertragen werden oder der Körper zusätzlich geschwächt wird.
Und genau hier wird’s spannend – oder eher kompliziert. Während bei Krebs oft Stabilität im Vordergrund steht, zielen Abnehmspritzen genau aufs Gegenteil ab. Präparate wie Wegovy (mit dem Wirkstoff Semaglutid), welche ursprünglich für Diabetes entwickelt wurden, dämpfen den Appetit und stellen im Körper einiges auf den Kopf. Auch hier wird die Magenentleerung verlangsamt, wodurch andere Medikamente verzögert wirken können. Nicht ideal, wenn dein Körper eigentlich auf eine zuverlässige Wirkung angewiesen ist. Auch der Blutzucker wird beeinflusst – bei Diabetes kann das ohne Anpassung schnell zu Unterzuckerungen führen.
Für manche Vorerkrankungen, etwa bestimmte Formen von Schilddrüsenkrebs, wie z. B. beim medullären Schilddrüsenkrazinom oder multiplen endokrinen Neoplasie-Syndrom Typ 2 , ist das Ganze ohnehin ein No-Go. Mehr Infos zu diesen Krebsformen kannst du in unserem Lexikon nachlesen.
Wichtig zu wissen: Wechselwirkungen im Zusammenhang mit Abnehmpräparaten und Krebs sind bisher kaum erforscht – das hier ist einer der wenigen Bereiche, zu denen es überhaupt konkrete Hinweise gibt. Also viel Hype, aber auch noch viele offene Fragen.
Größere Studien zeigen aber: Menschen, die GLP-1-Präparate einnehmen – also Medikamente, die ein körpereigenes Hormon nachahmen und dich dadurch schneller satt machen –, haben teilweise ein geringeres Risiko für bestimmte Krebsarten. Vor allem für solche, die mit Übergewicht zusammenhängen. Klingt erstmal gut. Aber auch hier sind die Daten noch wackelig. Die Studie verlinken wir dir am Ende des Artikels.
Fakten auf einen Blick:
- Es gibt keinen klaren Hinweis darauf, dass das Krebsrisiko mit Abnehmspritzen insgesamt steigt.
- Für manche Vorerkrankungen, wie bestimmte Schilddrüsenkrebsarten, ist die Abnehmspritze nicht geeignet.
- Sie kann mögliche Vorteile durch Gewichtsreduktion bei Adipositas haben.
Was noch in den Sternchen steht:
- Einzelne Risiken werden diskutiert.
- Zu den Langzeitfolgen ist die Datenlage noch sehr dünn.
Gewicht ist mehr als eine Zahl
Gewicht bei Krebs ist medizinischer Faktor, Nebenwirkung, Belastung und manchmal auch Überlebensfrage zugleich. Der Körper folgt in dieser Zeit eigenen Regeln. Und die lassen sich nicht immer kontrollieren. Vielleicht ist genau das der wichtigste Perspektivwechsel: Nicht alles, was mit dem eigenen Körper passiert, muss sofort bewertet oder korrigiert werden.
Weitere Links:
- Beim deutschen Krebsinformationsdienst kannst du mehr zum Thema „Diäten bei Krebs“ lesen.
- Auf Jama Network findest du mehr zur Studie mit der Abnehmspritze.
- Die Forschungsarbeit zum Wirkstoff R-Ketorolac findest du in der Online-Bibliotheksplattform Wiley.
- Auf der Webseite go Lighter.de kannst du mehr zu den möglichen Nebenwirkungen von Wegovy nachlesen.
Titelbild: Pexels/Antarazevich
