Vorstrafe Krebs: Vom Recht, vergessen zu werden
Wer überlebt, zahlt weiter – mit Aufschlägen, Ablehnung und alten Akten. Ein Recht auf Vergessen soll diese Diskriminierung abschaffen. Wie und warum, das erfährst du hier!
Seite 2/2: Willkommen auf Seite 2. Hier sehen wir uns an, was schon getan wird, um das Recht auf Vergessenwerden umzusetzen, und wie es noch besser geht.
Die Petition, die nicht vergessen werden sollte
Das Elternpaar Tobias und Rebecca Burggraf hat eine entsprechende Petition ins Leben gerufen, die der Regierung das Thema direkt unter die Nase schieben soll.
Was wird verlangt?
1. Gesetzliches Recht auf Vergessenwerden für alle Krebsüberlebenden
- Informationsverbot: Nach Ablauf der Frist dürfen Versicherer oder Banken deine Krankheitsdaten nicht mehr erheben oder nutzen.
- Benachteiligungsverbot: Keine Zuschläge oder Ablehnungen wegen deiner überstandenen Erkrankung.
- Beweislast beim Anbieter: Der muss nachweisen, dass seine Entscheidung mit dem Recht konform ist. Sonst hagelt es Bußgelder.
2. Das Recht soll spätestens fünf Jahre ohne Rückfall nach Ende der Behandlung gelten, bei einer Ersterkrankung unter 21 pauschal für fünf Jahre.
“Die Petition soll vor allem Aufmerksamkeit schaffen und zeigen, dass es sich nicht um Einzelschicksale handelt, sondern um ein strukturelles Problem. Die Medizin wird immer besser – das sollte sich auch im Recht widerspiegeln.” – Tobias Burggraf
Der Status quo: Was wird schon getan?
Der Startschuss für die Rechtsaufmöbelung war der von der EU veröffentlichte “Beating Cancer Plan”, konstruiert im Covid-Jahr 2021. Schon damals wurden die Schengengeschwister dazu angewiesen, die Dinge so zu ändern, dass die bewältigte Krebserkrankung den Betroffenen nicht für immer auf die Stirn tätowiert ist – geschehen ist bisher aber nur bei einem Drittel der Länder etwas.
Frankreich hat schon 2016 vorgelegt, Rumänien ist der neuste Zugang. Wo sind Deutschland und Österreich? Noch im Abseits der Untätigkeit. Betroffen sind die Leute trotzdem. Immerhin wird das Thema hier und da schon aufgegriffen.
”Wir sehen bereits, dass sich politisch etwas bewegt”, berichtet Tobias. “Das Thema ist inzwischen auch im Landtag Nordrhein-Westfalen angekommen. Unser Wunsch wäre, dass daraus eine klare gesetzliche Regelung für das Recht auf Vergessenwerden entsteht – mit Fristen wie sie viele andere europäische Länder bereits kennen.“
Zwar ist die EU-Richtlinie ein erster wichtiger Schritt, sie betrifft aber nur Verbraucherkredite bis zu 100.000 Euro und sieht Fristen von bis zu 15 Jahren vor. “Aus unserer Sicht braucht es eine umfassendere Lösung”, fordert Tobias.
Erfahrungen von Betroffenen
Auf der Petitionsseite haben einige Unterstützer:innen Kommentare über ihre Gründe und Erfahrungen als Betroffene geteilt:
Ich musste nach der erfolgreichen Entfernung eines Hirntumors zehn Jahre auf eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) warten. Diese war dann viel teurer als zehn Jahre zuvor. Kindern und Jugendlichen werden hier gleich zu Beginn ihres Lebens große Hürden gesetzt. Das ist nicht gerecht.
Ich bin Anfang 30 und selbst Betroffene. Mir wäre es wichtig, auch in Österreich eines Tages dieses Recht zu besitzen, vor allem im Hinblick auf zukünftige Lebenslagen wie Kredit, bei dem ich eine Lebensversicherung brauche, die ich aber nicht bekommen habe. Oder auch die Chance, eines Tages ein Kind adoptieren zu können, ohne dass meine Gesundheitsakte dagegenspricht.
Mit 27 wurde ich mit Brustkrebs diagnostiziert. Nach einer 1-jährigen Behandlung war ich krebsfrei und bin es auch zwei Jahre später immer noch. Ich mache mir aber jetzt schon Sorgen darüber, was diese Erkrankung lebenslang mit sich bringt. Nicht gesundheitlich, aber rechtlich und finanziell. Ich wünsche mir ein Recht auf Vergessen, damit ich nach Ende der temporären gesundheitlichen Folgen nicht auch noch mit lebenslangen rechtlichen Folgen zu kämpfen habe.
Unser parteiisches Fazit
Ganz im Klartext: Da gehört gehörig was geändert. Wir nehmen in dieser Thematik eine eindeutige Seite ein. Denn aus eigener Erfahrung wissen wir, Heilung passiert nicht nur im Körper. Vor allem langfristige Heilung findet auch im Kopf statt. Wenn man immer wieder an die Krankheit erinnert wird und lang nachwirkenden “Kolateralstress” erfährt, wird es schwer, wirklich abzuschließen. Und ein Recht auf Vergessenwerden hilft da, innerlich und äußerlich neu anzufangen.
Petitionsleiter Tobias hat es in der berühmten Nussschale zusammengefasst: „Wer Krebs überlebt hat, sollte danach wirklich nach vorne schauen können – mit den gleichen Chancen wie alle anderen. Oder anders gesagt: Nach dem Krebs sollte das Leben neu beginnen und nicht die nächsten Hürden.“
Ja, Krebs zu überleben ist ein Sieg – aber ein Sieg, den man nur mit einem starken Netz aus Mitmenschen, Gesellschaft und fairen Strukturen wirklich leben kann. Punkt.
Quellen und Links:
- Die von Tobias und Rebecca Burggraf ins Leben gerufene Seite recht-auf-vergessen.de bündelt Informationen, Forderungen und Initiativen rund um das Thema.
- Auf OpenPetition kannst du ihre Petition unterschreiben, um dem Anliegen mehr Reichweite zu verschaffen. Eine Unterschrift kannst du bis Ende April 2026 abgeben.
- Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) erklärt, welche sozialen und finanziellen Nachteile insbesondere junge Krebsüberlebende erfahren.
- Dieser Beitrag des Petrie-Flom Centers der Harvard Law School gibt einen Überblick über das „Recht auf Vergessenwerden“ in Europa, erläutert dessen Ziel und zeigt rechtliche sowie politische Herausforderungen bei der Umsetzung auf.
Titelbild: Pexels/Diana
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Über die Serie
In unserer Artikelserie “Nachspielzeit” schauen wir dahin, wo sonst oft weggeguckt wird: Auf nervige Langzeitfolgen, die vielen Krebsüberlebenden nach der Therapie oft nicht erspart bleiben. Ob anhaltende Erschöpfung, nervige Schmerzen oder die fiesen Schatten der Angst – statt Tabus gibt’s hier Anleitungen, wie du damit fertig wirst.
Wir erzählen dir ungefiltert, was wirklich abgeht, wenn der Kampf offiziell gewonnen, aber der Alltag noch nicht zurück ist. Warum Nachsorge ein Muss ist, ist und wie du Lebensqualität trotz allem selbstverständlich machst.
