Vorstrafe Krebs: Vom Recht, vergessen zu werden
Wer überlebt, zahlt weiter – mit Aufschlägen, Ablehnung und alten Akten. Ein Recht auf Vergessen soll diese Diskriminierung abschaffen. Wie und warum, das erfährst du hier!
Stand 2026 muss man in Deutschland und Österreich für Krebs zweimal bezahlen. Denn: Obwohl die Lebenserwartung von Langzeitüberlebenden ähnlich hoch ist wie die der verschonten Allgemeinbevölkerung, leiden insbesondere jung Diagnostizierte oft ihr ganzes Leben lang unter rechtlicher und finanzieller Diskriminierung. Das Gegenmittel für diese Praxis ist das Recht auf Vergessenwerden für Krebsüberlebende.
Einige EU-Länder haben es schon. Und die, die es nicht haben, behausen Menschen, die es unbedingt haben wollen. Mit ein paar davon haben wir gesprochen und herausgefunden, warum dieses Recht auf Vergessenwerden so wichtig für die Zukunft wäre.
Ende gut, alles gut?
Das jüngste Mitglied der deutschen Familie Burggraf aus Mülheim (mitten im Ruhrgebiet) wurde vor fünf Jahren geboren. Nach bereits zweieinhalb Jahren wurde das Mädchen dann von Leukämie schikaniert. Runde eins – das Krebslevel – hat sie bewältigt, Runde zwei – das bürokratische Bonuslevel – tragen nun ihre Eltern aus.
Mama Rebecca sieht sich in der Pflicht: “Wir möchten nicht in 15 Jahren vor ihr stehen und sagen müssen: ‘Ja, wir wussten, dass dich das erwartet, aber wir haben nicht versucht, das zu ändern‘.” Aber was genau erwartet die Kleine denn am anderen Ende der Jugend?
Wozu es das Vergessen braucht
Was ist das große Problem? Kurz gesagt: bürokratische Benachteiligung. Finanzielle und rechtliche Scherereien. Relevant ist eine Krebserkrankung nämlich u.a. für die Bewertung von Folgendem:
- Versicherungen
Versicherungsgesellschaften scheren alle Krebse über einen Kamm. Denn im vorsichtigen Geschäft mit Eventualitäten geht es rein um die Kalkulation von Risiken. Alle Krebse, egal welcher Art, werden gemütlich unter “schweres Risiko” eingeordnet. Eine Krebshistorie ist dahingehend Grund genug, hohe Risikozuschläge zu verlangen, bestimmte Leistungen zu verweigern oder überhaupt abzulehnen.
- Adoption
Dass der Adoptionsprozess nach einer Krebserkrankung so kompliziert sein kann, liegt an der speziellen Rechtsnatur der Adoption: Es gibt kein „Recht auf ein Kind“, aber ein „Recht des Kindes auf die bestmöglichen Eltern“. Klingt gesund, darf auch so bleiben. Bloß wird dadurch die Elterneignung extrem streng beurteilt, weil die Zuständigen nach einem Elternpaar suchen, dass maximale Stabilität garantieren kann. Und da färbt der Krebsstempel nun mal sehr auffallend durch die Dokumente.
- Kredite
Die Essenz eines Kredits ist, dass er irgendwann verlässlich zurückgezahlt wird. Die Bank sieht dieses Ziel aber bedroht, wenn das Einkommen durch längere Arbeitsunfähigkeit schrumpft, wie eine vertrocknende Weintraube. Und dann ist da noch der verdammte Teufelskreis, dass du für große Kredite eine Versicherung für den Todesfall brauchst, die du aber nicht bekommst, weil… genau. „Oasch“ würden die Österreicher:innen sagen.
“Ich bin mit 20 Jahren an Lymphdrüsenkrebs/Non-Hodgkin Lymphom erkrankt. Selbst 25 Jahre später und genesen, werden mir Steine für meine Zukunft in den Weg gelegt. Keine Versicherung nimmt mich, somit kann ich mich nicht für das Alter absichern. Stattdessen muss ich auf die Unterstützung meines Mannes hoffen. Man wird dadurch immer noch an seine Krankheit erinnert, und hat das Gefühl, wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden.” – Jennifer O.
- Verbeamtung
Eine frühere Krebserkrankung kann die Verbeamtung (Berufung in ein lebenslanges öffentlich-rechtliches Dienstverhältnis zum Staat) erschweren, weil nicht nur der aktuelle Gesundheitszustand vom Amtsarzt beurteilt wird, sondern auch das Risiko zukünftiger Dienstunfähigkeit – und genau das wird bei ehemaligen Patient:innen oft kritisch bewertet.
- Pflege
Auch bei der Planung von Pflegeleistungen wird die gesundheitliche Zukunft eingeschätzt. Eine Krebsvorgeschichte kann – je nach Verlauf – als möglicher Risikofaktor gesehen werden.
Was bedeutet “Recht auf Vergessenwerden”?
Bevor Missverständnisse aufkommen. Es bedeutet nicht, dass dich nach deinem Tod all deine Bekanntschaften aus ihrem Gedächtnis löschen dürfen oder du als Kind den Anspruch hast, im Shoppingcenter zurückgelassen zu werden. Nein, solche Rechte braucht wirklich niemand. Hier geht es um weitaus nützlichere Gesetze.
Es heißt schlicht und einfach, dass eine Krebserkrankung nach einer bestimmten Zeit (meist fünf bis zehn Jahre) nicht mehr angegeben werden muss. Das sagenumwobene Ziel ist es, die Diskriminierung von Krebsüberlebenden beim Zugang zu Finanzdienstleistungen, Adoption und potenziell zum Beamtentum zu verhindern.
Diese Maßnahmen würden das Spielfeld für Krebspatient:innen wieder fairer gestalten, denn wie eingangs erwähnt, nähert sich bei vielen Krebsarten das Sterblichkeitsrisiko nach einigen Jahren wieder dem des gesunden Durchschnittsmenschen an. Mit den Jahren nach der Heilung verliert die Krebsdiagnose also medizinisch an Gewicht.
Jedoch sind einheitliche Regeln trotzdem schwierig anzufertigen, weil das Risiko von vielen Faktoren abhängig ist. Neben der Krebsart reden wir hier vom Alter bei der Diagnose, der Qualität von Therapie und Nachsorge, sowie dem Stadium der Erkrankung.
Auf der nächsten Seite geht’s darum, wie man das Recht auf Vergessenwerden konkret umsetzen könnte.
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Über die Serie
In unserer Artikelserie “Nachspielzeit” schauen wir dahin, wo sonst oft weggeguckt wird: Auf nervige Langzeitfolgen, die vielen Krebsüberlebenden nach der Therapie oft nicht erspart bleiben. Ob anhaltende Erschöpfung, nervige Schmerzen oder die fiesen Schatten der Angst – statt Tabus gibt’s hier Anleitungen, wie du damit fertig wirst.
Wir erzählen dir ungefiltert, was wirklich abgeht, wenn der Kampf offiziell gewonnen, aber der Alltag noch nicht zurück ist. Warum Nachsorge ein Muss ist, ist und wie du Lebensqualität trotz allem selbstverständlich machst.
