Scham beim Sex nach Krebs: Wie werde ich sie los?
Sexberaterin Theresa Lachner erklärt, warum Scham nach Krebs als Schutzsignal verstanden werden sollte und wie man lernt, ihr sanft die Führung über das eigene Intimleben zu entziehen.
Liebe Theresa,
ich höre in Punkto Sex-Positivity ständig von allen Seiten, dass ich mich endlich von meiner Scham befreien soll – aber wie soll das gehen, gerade nach Krebs? Narben, Haarverlust, Gewichtsveränderungen, und von den Risiken und Nebenwirkungen auf meine Libido könnten Arzt oder Apothekerin ein Liedchen singen – aber kein besonders lustiges. Hast du vielleicht einen Lifehack, mit dem ich die ganze Scham endlich loswerde?
Aus dem Schambereich gesendet,
Mauer Blümchen
Liebes Blümchen,
“…wie ein Boom-Boom-Boom-Boom-Boomerang, kommt sie immer wieder bei dir an” – wie schon deine Namensvetterin gesungen hat – immerhin das war ein lustiges Liedchen. Aber im Ernst – gerade nach einer Krebserkrankung geraten viele Menschen in einen unfairen Vergleichswettbewerb: mit dem früheren Ich, mit scheinbar makellosen Körpern im Internet oder mit dieser Idee, man müsse gleichzeitig resilient, sexy und körperpositiv sein. Und obendrein auch noch ein strahlendes Vorbild für andere.
Was dabei rein gar nicht hilft: Noch mehr Druck durch erzwungene Dauerpositivität. Das ist diese Scham, die du fühlst, wenn du denkst, dass du dich doch eigentlich anders fühlen solltest – irgendwie lockerer, befreiter, und insgesamt ungezwungener – und dich dann dafür schämst, dass du dich stattdessen schämst. Scham zweiter Ordnung, quasi.
Theresa Lachner ist Gesundheitsjournalistin und Sexualberaterin und findet auch da Worte, wo sie anderen manchmal im Hals stecken bleiben – zum Beispiel in ihrem Podcast LVSTPRINZIP. An der Schnittstelle zwischen Körperlichem, Sexualität und Medien mag sie‘s empathisch-pragmatisch, evidenzbasiert und ohne erhobenen Zeigefinger. Theresa mag Eisschwimmen, Realityfernsehen und ihre 53 Zimmerpflanzen.
Dabei ist Scham gar nicht so schlimm wie ihr Ruf, findet die Sexualtherapeutin und Sexualpädagogin Sandra Gathmann: Sie beschreibt Scham nicht als Fehler im System, sondern fast als eine Art innere Grenzbeamtin. „Die Scham ist eben eigentlich auch eine Torwächterin, damit ich meine eigenen Grenzen nicht überschreite, aber auch die Grenzen anderer achte.“
Das heißt: Die Scham will uns erstmal schützen. Schwierig wird’s, wenn sie plötzlich das ganze Steuer übernimmt und dafür sorgt, dass wir uns zurückziehen. Dann bleibt das Licht aus, das T-Shirt an und Geschlechtsteile lieber auf Abstand. Wir vermeiden Berührungen, die sich eigentlich gut angefühlt haben, zeigen uns nicht mehr nackt oder warten lieber darauf, dass die andere Person den ersten Schritt macht.
Aber ist es deshalb eine gute Idee, deine Scham gleich komplett loswerden zu wollen?
Die arme Grenzbeamtin versucht schließlich nur, ihren Job zu machen! Das klappt manchmal besser und dann wieder schlechter.
Sandra Gathmann empfiehlt, die Scham als Mitarbeiterin im inneren Team zu sehen, aber eben nicht als Chefin. „Liebe Scham, ich höre dich, ich weiß dich in vielen Punkten zu schätzen, aber jetzt hast du auch mal Pause.“
Anstatt sie direkt in die Frühpensionierung zu schicken, könnt ihr ja auch mal zusammen Kaffeepause machen. Vielleicht gibst du ihr einen schönen Namen, zum Beispiel Roland oder Roswitha? Hör dir ihre Bedenken und Anliegen in Ruhe an, mach ihr ein Kompliment für ihre Büropantoffeln, vielleicht jammert ihr ein bisschen zusammen über das Wetter, und dann suchst du dir aus ihrer langen Beschwerdeliste die Aspekte aus, die sich für dich stimmig anfühlen.
Du hast Fragen rund um Sex und Körperliches? Theresa beantwortet sie!
Vielleicht ist dir die Sex-Positivity-Party in Wirklichkeit zu viel, weil dich auch schon angezogene Menschenmassen stressen können? Vielleicht wäre es aber okay, das Licht beim Sex nicht komplett abzudrehen, sondern eine schön getönte Glühbirne rein? Wenn du grelles Deckenlicht auch so hasst wie ich, macht das alles besser.
Unter deiner kompetenten Führung kann Roland-Roswitha dir dabei helfen, zu erkennen, welche Menschen und Situationen die Richtigen sind. Damit du dich so zeigen kannst, wie du in dem Moment bist – mit sämtlichen Narben und Unzulänglichkeiten. Möglicherweise fällt Roland-Roswitha dann auch mal von selbst auf, wenn deren Anwesenheit in deinem Bett gerade echt überflüssig wird, und kümmert sich stattdessen um Menschen, die ihren Müll in anderer Leute Fahrradkörbe entsorgen oder zu Servicepersonal unfreundlich sind.
So kannst du schauen, was sich für dich gut anfühlt – und statt den Boomerang zu werfen, einfach ein bisschen jonglieren.
Quellen und Links:
- Auf ihrer Website gibt Sexualberaterin und Journalistin Theresa Lachner Einblicke in ihre Arbeit und zeigt, wie ein moderner, vorurteilsfreier Umgang mit Sexualität und Körperlichkeit gelingen kann.
- Theresa Lachners Podcast „LVSTPRINZIP“ schlägt die Brücke zwischen Wissenschaft und Leidenschaft und bietet empathisch-pragmatische Antworten auf Fragen rund um Lust, Sex und das menschliche Miteinander.
Titelbild: Herrholzner, Kurvenkratzer
Über die Serie
Wenn der Körper nach einer Krebserkrankung zur Großbaustelle wird, sagt die Libido oft leise Servus. Aber das muss nicht aller feuchten Tage Ende sein. Theresa Lachner ist Gesundheitsjournalistin, Sexualberaterin und weiß, wie man sie zurückbringt.
In ihrer neuen Kolumne „Frag Theresa – Sexkolumne für Krebserfahrene“ liefert sie eine monatliche Dosis sexueller Selbstbestimmung – direkt, empathisch-pragmatisch und garantiert ohne erhobenen Zeigefinger. Von Solo-Sex-Hacks bis zur erotischen Identität gibt Theresa Antworten, die sich nicht wie Therapie, sondern wie ein ehrliches Gespräch unter Kompliz:innen anfühlen.
