Mein Hintern ist bis auf Weiteres Sperrgebiet
„Das Wort ‚Krebs‘ trennt mich von der normalen Welt. Plötzlich bin ich in einer anderen Dimension, in der die alten Regeln nicht mehr gelten“: In ihrem zweiten Beitrag für das Kurvenkratzer Magazin beschreibt Andrea Botos, wie das Rektumkarzinom in ihr Leben eingreift – und geht im roten Kleid auf eine Party.
„Mein Mann Csaba hat da so eine herrlich männliche Angewohnheit: Er liebt es, mir einen Klaps auf den Hintern zu geben. Der ist jetzt leider verboten.
Noch habe ich keine körperlichen Schmerzen – den Dauerdurchfall mit all seinen Zumutungen einmal ausgenommen. Es ist diese Art von Beschwerden, die man keineswegs kleinreden sollte, die aber neben einem wirklich schweren, lang anhaltenden Schmerz in den Hintergrund treten. Vor genau einem solchen Schmerz hatte ich mich bisher am meisten gefürchtet.
Trotzdem ist der Klaps auf den Hintern inzwischen wie gesagt verboten. Ich lächle schon, wenn ich sehe, wie seine Hand ausholt. Auf halber Strecke hält er inne, fängt den Schwung ab, merkt: Das geht jetzt nicht. Dann beginnt er, leicht geknickt, vor sich hin zu summen:
„Wie soll ich da noch zärtlich sein,
wenn dein Hintern doch meine größte Schwäche ist?“
Über die Autorin
Andrea Botos wurde in Ungarn geboren und lebt seit fast zehn Jahren in Deutschland. 2024 wurde bei ihr ein Rektumkarzinom diagnostiziert. Danach begann ein anderthalbjähriger Marathon mit dem Krebs: Bestrahlung, Chemotherapie, Operation, Stoma, Rückverlegung und Rehabilitation. Ihr Mann Csaba war auf diesem ganzen Weg an ihrer Seite und hielt in allen kritischen Momenten ihre Hand. Andrea schreibt mit Humor und Selbstironie über ihre Erkrankung – ohne dabei den Ernst der Situation zu verschweigen. Andrea: „Ich glaube daran, dass man aus fast allem ein kleines Wunder entstehen lassen kann – etwas, das uns ein kleines bisschen reicher macht.“
Selbst in dieser grotesken Lage gibt es noch diesen trockenen, herben Humor, der uns hilft, irgendwie zu überleben. Wir beide versuchten, meine Krankheit möglichst locker zu nehmen. Doch der Seufzer zwischen den Worten hatte seinen eigenen, beunruhigenden Nachhall. Er verriet Verzweiflung.
Das war unsere Sprache. Und unser Bündnis.
Die Party
Nachdem meine Diagnose feststand, erzählte Csaba zwei unserer Freunde, was los war. Ausgerechnet bei ihnen waren wir zu einer Geburtstagsparty eingeladen. Ich hatte Zweifel. Ich wollte hingehen, denn die Runde war schön, und ein bisschen Ablenkung hätte mir gut getan. Gleichzeitig hatte ich Angst. Ich verabscheue Mitleid. Dieses gnädige Wegsehen. Es nimmt mir etwas von meiner Kraft, von meiner Würde. Dabei will ich doch nur eines: dass man mich ansieht wie früher.
Ich betrachte mich im Spiegel und suche nicht nur nach den Spuren meiner Krankheit. Vor allem suche ich in meinen eigenen Augen nach mir selbst. Ich will wissen, wie viel von meinem alten Ich noch übrig ist.
Genau hier, vor dem Spiegel, begreife ich zum ersten Mal wirklich: Eine Krebsdiagnose ist nicht nur ein medizinischer Befund. Sie reißt auch innerlich etwas auf – seelisch, psychisch, spirituell. Und sie zeigt, wie mächtig das Stigma ist, das an diesem Wort klebt.
Ich ziehe das Kleid an, das ich für die Party ausgesucht habe. Feuerrot, leuchtend. Die Tasche passt dazu. Als der Stoff meine Haut berührt, schließe ich für einen Moment die Augen.
Das Wort, das stumm macht
Als der Arzt das Wort „Krebs“ aussprach, hörte ich nicht bloß die Bezeichnung einer Krankheit. Ich hörte das Echo einer kollektiven Angst, die uns die Gesellschaft mit diesem Wort aufzwingt.
Ich öffne meine Schminktasche und greife routiniert zur Wimperntusche. Der Griff ist locker. Mein Spiegelbild nicht.
Es ist, als würde dieses Wort selbst die Last von Tod, Schmerz und Hoffnungslosigkeit tragen – selbst dann, wenn die Prognose günstig ist. Es trennt mich von der „normalen“ Welt. Plötzlich bin ich in einer anderen Dimension, in der die alten Regeln nicht mehr gelten.
Ich bin blass. Vielleicht hilft ein wenig Rouge. Ich nehme es zur Hand. Für einen Augenblick zittern meine Finger.
Diese Erwartung, man müsse „positiv bleiben“ – Gott, wie sehr ich diese Phrase hasse –, macht alles noch schwerer. Sie nimmt einem das Recht, Schmerz, Wut und Verzweiflung überhaupt zuzulassen. Der Stempel, den das Wort „Krebs“ hinterlässt, macht stumm. Er isoliert. Und er verhindert, dass wir ehrlich sprechen – selbst mit den Menschen, die uns am nächsten stehen.
Sich davon zu befreien, passiert nicht mit einem klugen Satz. Das ist Arbeit. Innen drin. Und sie beginnt dort, wo man aufhört, die eigene Verletzlichkeit zu verstecken.
Das menschliche Gesicht von Krebs
Ich schminke mich fertig. Dann blicke ich noch einmal in den Spiegel.
Wenn wir unsere Geschichte teilen, brechen wir das Schweigen. Wir zeigen das menschliche Gesicht von Krebs. Nur so können wir den Blick verschieben: weg vom Todesurteil, hin zur Möglichkeit der Heilung. Als ich am Ende dieser Gedanken ankomme, fühle ich mich wieder stark.
Der Spiegel lügt nicht. Aber heute hat er nichts von meinem furchtbaren Geheimnis verraten. Auch Csaba beruhigt mich. „Du siehst gut aus“, sagt er lächelnd. „Wenn du müde wirst, fahren wir nach Hause. Bis dahin machen wir uns einfach einen schönen Abend.“
„In Ordnung. Aber du bist bei mir doch nie ganz objektiv. Ist das jetzt auch wieder so?“, frage ich, in der Hoffnung, ihm noch ein kleines Stück Gewissheit abzuringen.
„Mir gefällst du. Und das reicht“, antwortet er sofort und küsst mich. Sanft, aber mit sehr klarer Absicht. „Wenn ich das überlebe und wir wieder zu Hause sind: unbedingt, mein Liebster“, flüstere ich ihm ins Ohr.
Die Maske hält
Ich hatte mich „richtig schick gemacht“ – wie unsere süße Enkelin sagen würde – und wir machten uns auf den Weg zurück in die normale Welt.
Meine Unsicherheit löste sich schon im ersten Augenblick auf. Vertraute Blicke, echtes Lächeln, ehrliche Bemerkungen. Ich war glücklich, weil niemand hinter meine Maske sah. Ich tanzte sogar. Nur den Sekt tauschte ich gegen Mineralwasser.
Der kleine Teufel in mir gab trotzdem keine Ruhe. Ich fragte unsere Freunde, ob man mir irgendetwas ansah. Ein winziges Zeichen vielleicht, das mir entgangen war. Sie beruhigten mich: „Nichts. Absolut gar nichts. Von außen sieht man nicht die geringste Spur von dem, was dein Körper gerade verbirgt.“
„Der Spiegel hatte also noch nicht gelogen.“
Titelbild: Unsplash/Sou Jest
