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Leser:innenbrief
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Zerrissen in den Zwischenzeiten

Unser Community-Mitglied Alexandra Gmür aus der Schweiz berichtet in ihrem Leser:innenbrief über „Scanxiety“: die Angst vor dem MRT-Befund. Sie schreibt, wie sie damit umgeht – und wie aus „warten, warten, warten“ wieder „leben, leben, leben“ wird.

Es ist mal wieder einer dieser Tage, an denen ich nichts mit mir anfangen kann. Am Vortag hatte ich erneut ein MRT, am folgenden Tag bekomme ich die Resultate. Dazwischen ist es einfach nur mühsam – was noch sehr beschönigt, was eigentlich mit mir los ist.  

Ich habe wirre Gedanken, ein roter Faden ist nicht zu sehen, und ich weiß nicht, was ich fühlen soll, oder besser: was ich alles gleichzeitig fühle. Ein Gemisch aus Ängsten und Hoffnung. Ich stehe nah am Wasser; in den unmöglichsten Situationen drohen die Tränen hochzukommen. Ich bin sentimental, empfindlich, ungeduldig, traurig, wütend, verletzlich und auch etwas hoffnungsvoll. Mal alles zusammen, mal einzeln; mal so und gleich wieder anders. 

Deine Geschichte. Deine Stimme. 

Wut, Dankbarkeit, Galgenhumor oder die Frage, warum eigentlich immer du: Genau dafür gibt es unsere Rubrik für Leser:innenbriefe. Ob als Reaktion auf einen unserer Artikel oder als ganz eigene Geschichte, schreib uns, was dir auf der Seele brennt. Wir wollen Journalismus nicht nur über Menschen mit Krebserfahrungen machen, sondern mit ihnen. Also: Schreib uns, und werde Teil von Kurvenkratzer. 

Was wäre, wenn? 

Ich frage mich, was wäre, wenn der Tumor wieder da wäre, das Rezidiv Tatsache? Ich stelle mir vor, was dann geschehen kann. Ich drehe mich tiefer in die schlechten Gefühle, denke an Schmerzen, OP, Chemo, Bestrahlung, benötigte Hilfsmittel, Sterben… Nein, so geht das nicht, ich male ja den Teufel an die Wand! Meine Stimmung wird schlechter, was es nur noch unerträglicher macht. Also versuche ich es mit einer positiven Einstellung.  

Was wäre, wenn das Resultat gut ist?  

Ich stelle mir vor, dass ich weitermachen kann, Kurzferien buchen, gemeinsame Stunden mit meinem Mann, Treffen mit Freundinnen, schwimmen, laufen, einkaufen, einfach Alltag. Es tönt zu gut, ich merke, wie die Angst hochsteigt, dass ich mir zu viele Hoffnungen mache. Ich will es auch nicht verschreien. Was, wenn ich zu optimistisch bin, es eben doch nicht gut kommt und ich mir vergebens Hoffnungen mache und alles nur ein Traum ist?  

Man kann es mir nicht recht machen heute.

Haengebruecke
"Wie eine Hängebrücke, die schon bessere Zeiten hatte" – so fühlt sich für Alexandra die Angst vor dem MRT an. (Foto: Privat)

Die Angst vor dem MRT 

Ich komme mir vor wie auf einer Hängebrücke, die schon bessere Zeiten hatte. Ich schaukle, werde unsicher und muss mich halten, wo aber kein wirklicher Halt zu finden ist. Schaffe ich es auf die andere Seite, oder kracht alles zusammen? Kann ich mich irgendwo festhalten, oder stürze ich gleich ab? Wie wird es sich anfühlen, wenn ich über die Brücke komme, es tatsächlich schaffe und wieder festen Boden unter den Füßen fühle? Werde ich es schätzen, was ich dann erlebe, oder gehe ich achtlos weiter? Ist der Boden auf der anderen Seite erneut voller Steine? Oder finde ich eine Wiese, eine Bank, sogar einen See, der zum Baden einlädt? Alles ist möglich. 

Scanxiety nennt sich der Begriff, der meinen Zustand beschreibt. Auf Deutsch „die Angst vor einer bildgebenden Untersuchung“. Was für ein Wort. Es beschreibt nur ansatzweise, was mit einem passiert. 

Die MRT-Untersuchungen selbst machen mir nichts aus. Ich leide nicht an Platzangst, das laute Klopfen wird gedämpft durch Kopfhörer, über die nach Wunsch Musik zu hören ist. Ich kann dabei komplett runterfahren. So sehr, dass ich sogar schon gefragt wurde, ob noch alles okay sei, weil ich praktisch unbeweglich da liege und mich nur auf meinen Atem konzentriere. 

Nicht ganz allein. Das tröstet. 

An den Tagen vor dem Resultat fällt mir das Schlafen schwer. Zum Glück habe ich dazwischen noch einen Termin bei meiner Onkopsychologin, die mich kräftig unterstützt. Ich finde auch Ablenkung durch meine Liebsten. Kaum bin ich aber allein, geht es wieder los mit dem Gedankenkarussell. Auch wenn ich weiß, dass dieses Drehen nichts bringt, finde ich die Bremse nicht. Auch wenn ich weiß, dass es fast allen so geht, die mit einem schlechten Befund rechnen müssen oder auf gute Nachrichten hoffen, kann ich das Drehen nicht stoppen. Immerhin: Dass es diesen Begriff dafür gibt – Scanxiety – zeigt: Ich nicht ganz allein. Es gibt auch andere, die das erleben. Das tröstet mich ein wenig.

Die Befundbesprechung. Endlich. 

Allerdings bleibt es ein Scheißgefühl, unvermeidlich und schwer zu tragen. Ich muss warten, warten, warten. Auch für die Angehörigen ist das schwer zu ertragen. Die Stimmungsschwankungen machen die ganze Krebsgeschichte nicht einfacher. Und auch wenn es nun bereits das 12. MRT ist, so ganz werde ich es nicht los. Ich versuche, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Ich gebe nicht auf, Strategien zu finden, die das Ganze etwas erträglicher machen. 

Am folgenden Tag sehe ich meinen Arzt. Er kommt schnell zum Thema und berichtet, dass alles okay sei – kein Rezidiv zu sehen. Puh. Es dauert eine Weile, bis ich überhaupt realisiere, dass das eine gute Nachricht ist. Wir schauen gemeinsam die Bilder an und ich sehe, wie sich die Resultate vom letzten Mal gleichen. Ich bin über die Brücke gekommen, der Boden ist wieder fest unter meinen Füßen zu spüren und es scheint vorerst keine Steine auf dem Weg zu geben. 

Frau am Strand mit Füßen im Meer
Wieder festen Boden unter den Füßen: Unsere Leserbriefautorin Alexandra Gmür (Foto: Privat)

Lebe, lebe, lebe. 

Nun kann sich die Freude ausbreiten. Spätestens in drei Monaten fängt dann alles wieder von vorne an. Unausweichlich wird alles wieder da sein. Wie das sinkende Saldo auf meinem Bankkonto, geht die Stimmung stetig runter, bis wieder etwas reinkommt – Geld oder gute Nachrichten. Ich möchte nicht daran denken, wie es ist, wenn die Quelle eines Tages versiegt. Ich habe nur bedingt Einfluss auf manches, was im Leben passiert. 

Allerdings schiebe ich bis dahin alles weit weg und freue mich auf das, was dieser Tag noch Gutes bringen darf, genieße es und ja, schätze den festen Boden. 
Lebe, lebe und lebe, einfach so lange, wie es noch geht. Selbstfürsorglich gehe ich meinen Weg, getragen von lieben Menschen, privat und vom professionellen Umfeld.  

Das Gefühl von Dankbarkeit siegt über das Gefühl der vergangenen stressigen Momente. Doch bevor ich schon wieder die Tränen spüre – was zwar eigentlich okay wäre – höre ich nun auf mit diesem Text. Nicht ohne noch allen die Daumen zu drücken und Kraft zu schicken, die beim Lesen gerade dasselbe erlebt haben.

Autorin: Alexandra Gmür 

Titelbild: Pexels/Manu Gvzman

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