Frag Carsten: Psychoonkologe antwortet auf eure Fragen!
Ein ganzes Jahr lang hat sich Carsten auf eigene Faust mit Themen beschäftigt, die ihm wichtig sind und mit denen er als Psychoonkologe regelmäßig konfrontiert wird. Jetzt dreht sich der Spieß um. Ihr fragt, Carsten antwortet.
Carsten antwortet auf:
- Krebs kurz vor der Rente. Wie geht man damit um?
- Wie ist es, als Psychoonkologe täglich von Leid zu hören?
- Wie geht man mit der Angst um, die eigenen Kinder zurückzulassen?
Frage: Ich hatte solche Träume und Erwartungen an die Rentnerzeit. Wie kann ich mit diesen Enttäuschungen umgehen?
Carsten: Viele Menschen haben Träume und Erwartungen an den Ruhestand. Keine alltagseinnehmende Arbeitsroutine mehr. Nein, endlich das verheißene Land der ewigen Freizeit! Das begegnet mir häufig. Jetzt durchbuckeln, und dann mit 65 oder 67 in den wohlverdienten Ruhestand und das gute Leben leben.
Aber dass das klappt, ist niemals garantiert. Wenn eine chronische Krankheit wie Krebs dazwischengrätscht entsteht verständlicherweise Enttäuschung. Dann ist der Ruhestand plötzlich nicht mehr dieses freie „Ich mache jetzt, was ich will“, sondern gefühlt noch mehr Arbeit. Diese Enttäuschung darf da sein. Sie braucht Raum – als Trauer, Wut oder in einer anderen Form von Ausdruck.
Carstens Psychoonko-Kolumne
Warum ist Carsten Psychoonkologe geworden? Grund war eine hautnahe Krebserfahrung, im zarten Alter von 24. Die Zeit war jedoch nicht nur schwer, sondern auch lehrreich. 14 Jahre nach seiner Diagnose ist er, trotz schlummernder Metastasen, das blühende Leben selbst, läuft Marathons und hilft mit seiner positiven Art und seinem ausschweifenden Wissen jungen wie alten Krebspatient:innen beim psychischen Waschgang. Jetzt auch in geschriebener Form! Das Kurvenkratzer Magazin präsentiert “Carstens Psychoonko-Kolumne” (inklusive schwarzem Humor und hochdosierter Empathie). Seine ganze krasse Geschichte kannst du hier nachlesen!
Darauf folgt die Frage: Wie kann ich mit diesen Enttäuschungen umgehen? Vielleicht geht es darum, sich vom Konstrukt der Erwartung überhaupt zu lösen. Ich sage gerne: Das Leben ist wie ein Erwachsenenspielplatz (nicht die sexuelle Variante). Manche balancieren oben im Klettergerüst, manche spielen lieber bodenständig im Sandkasten. Der Spielplatz bleibt immer derselbe, die Frage ist bloß: Wo stehe ich mit meinen Möglichkeiten, meinen Werkzeugen, meiner Lust und Freude? Und was kann ich im Rahmen dessen tun?
Ich persönlich kann mit meinem Arm (wegen Knochenkrebs verkürzt) zum Beispiel nicht mehr irgendwo hochklettern. Also frage ich mich: Wie kann ich trotz dieser Einschränkung ein sinnerfülltes und glückliches Leben führen? Es geht darum, zu erkennen, was ich kann und was nicht – und das, was nicht geht, zu akzeptieren.
Erst danach kann man fragen: Wie fülle ich jetzt das leere Gefäß? Wenn die Vase voller Erwartungen ist, passt nichts Neues hinein. Gerade mit Mitte oder Ende 60 hat man schon einiges an Lebenserfahrung gesammelt, und hat sich in Folge dessen an gewisse Denkmuster gewöhnt, die nicht so einfach umzuprogrammieren sind. Dann braucht es wieder Anpassungsfähigkeit. Man muss lernen, loszulassen. Neue Denkmuster entwickeln ist schwer, wenn alles voll mit alten ist.
Viele Menschen erleben Schicksalsschläge, die sich im Nachhinein als etwas entwickeln, das sie sonst nie gefunden hätten. Krebs ist vielleicht der beschissenste Weg, Sinn zu finden – aber manchmal führt er genau dorthin.
Frage: Wie gehst du als Psychoonkologe damit um, täglich mit Leid konfrontiert zu werden?
Carsten: Ja, ich höre viel Leid, aber mindestens ebenso viel Neugier. Neugier entsteht oft erst, wenn dem Leid Raum gegeben wurde. Es ist so, dass ich als Psychoonkologe den Menschen meist erst am Ende der Behandlung begegne. Da geht es dann weniger um den Schock der Diagnose, sondern mehr um die neue Normalität danach. An diesem Punkt herrschen oft Angst und Unsicherheit, aber auch Neugier. Und man fragt sich: Was ist mir jetzt wichtig? Wie wird mein neues Leben aussehen?
Außerdem: Unsicherheit und Angst sind nicht ausschließlich schlecht. Sie bringen immerhin auch Bewegung in die Bude. Solange du nicht erstarrst, sondern dich neu orientierst, dir Gedanken machst und diese sortierst, ist viel möglich. Du brauchst auch keine perfekte Lösung, sondern einfach den Mut, dich auf diesen Prozess einzulassen und die eigenen Grenzen zu wahren. Aber ich schweife ab.
Zurück zur eigentlichen Frage: Für mich ist die Arbeit nicht allzu belastend. Was mich aber sehr wohl belasten kann, ist das Leid von Menschen, die mir privat nahe stehen. Aber ich unterscheide da zwischen Last (negativ) und Bürde (nicht so negativ). Manche Dinge sind schwer, aber gleichzeitig ist es auch eine Ehre, sie tragen zu dürfen. Menschen mit Krebs zu begleiten – an ihr Leben, ihre Stärken und ihr Leid herangelassen zu werden – ist ein großes Vertrauensgeschenk.
Im Endeffekt muss ich zugeben, dass mir die emotionale Distanz im Beruf nicht schwer fällt. Mit der Zeit habe ich gelernt, was ich beeinflussen kann und was nicht. Wenn ich weiß, ich habe alles getan, kann ich loslassen. Das gilt fürs Leben, genauso wie für den Beruf.
Frage: Wie gehe ich mit der Angst um, meine Kinder zurückzulassen?
Carsten: Das ist eines der schwersten Themen überhaupt. Kinder können unglaublich resilient sein. Sie finden oft ihren eigenen Weg zurück ins Leben, auch wenn Trauer bleibt. Sie vergessen den verstorbenen Elternteil natürlich nicht, aber sie sind jung und können sich schneller anpassen als wir großgewachsenen Terminkalenderfanatiker.
Trauer verändert sich mit dem Alter. Aspekte, die man als Kind verdrängt oder schlichtweg noch nicht versteht, kommen später wieder hoch – und werden im Idealfall mit neuen Werkzeugen verarbeitet.
Für Eltern, die wissen, dass sie nicht mehr lange leben werden, habe ich folgenden ganz konkreten Tipp:
Es kann super entlastend sein, nachhaltige Spuren zu hinterlassen. Damit meine ich: persönliche Abschiedsbriefe schreiben, in denen wirklich alles drinsteht, was man unbedingt noch sagen will. Oder Videos aufnehmen, in denen man die Lebensgeschichte erzählt und die letzten Geheimnisse aufdeckt. Oder Erinnerungsstücke hinterlassen, ein paar letzte Lebensweisheiten mit auf den Weg geben.
Projekte wie das Familienhörbuch oder die Ulmer Schatzkiste (Links findest du am Ende des Artikels) ermöglichen genau das. Sobald man diese Dinge parat hat, kann das sehr entlastend sein – für die Eltern und später umso mehr für die Kinder.
Ich habe irgendwo mal gelesen, dass Trauer die Fortführung von Liebe ist. Wenn wir den Tod in unser Denken und Handeln integrieren, verliert er etwas von seinem Schrecken. Als hinterlassener Elternteil ist es nun superwichtig, die Kinder in ihrer Trauer zu begleiten und gleichzeitig Raum zur Verarbeitung zu geben, sodass nichts Unverarbeitetes liegen bleibt.
Wenn du gerade keine Begleitung für deine Belastungen hast, schreib mich einfach auf Instagram an. Den Link findest du in der Quellenbox. Vielleicht kann ich etwas Orientierung schenken.
Quellen und Links:
- Die Ulmer Schatzkiste hilft Eltern, bleibende Erinnerungen für ihre Kinder zu schaffen. Briefe, Botschaften und kleine Schätze bewahren Liebe, Nähe und Verbundenheit über das Leben hinaus.
- Das Familienhörbuch bewahrt Stimmen, Geschichten und Erinnerungen für die Menschen, die bleiben. Eine persönliche Spur aus Worten, die auch dann noch Nähe schafft, wenn jemand nicht mehr da ist.
- Du willst Carsten bewegt und in Farbe? Seine Psychoonko-Kolumne gibt es auch im Reelformat auf unserem Instagram-Kanal.
- Carstens Verein „Jung und Krebs e.V.“ verbindet junge Krebsbetroffene in und um Freiburg.
- Auf seinem Instagram-Kanal spricht Carsten frei über seine Krebserfahrung (und läuft Marathons, als gäbe es kein Morgen).
Titelbild: Britt Schilling/Kurvenkratzer
Über die Serie
Carstens hautnahe Krebserfahrung im zarten Alter von 24 hat ihn zum Meister der krebsverwandten Gefühlswelt gemacht. 14 Jahre nach seiner Diagnose hilft er als Psychoonkologe jungen wie alten Krebspatient:innen beim psychischen Waschgang. Jetzt auch in geschriebener Form! Das Kurvenkratzer Magazin präsentiert “Carstens Psychoonko-Kolumne” (inklusive schwarzem Humor und hochdosierter Empathie).
