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Krebs und Musik
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Wenn Krebse singen – Raliza und die Heilkraft der Musik

Ralizas Geschichte hört sich ein wenig so an, als würde ihr Körper ihr mittels Krebs sagen wollen, dass sie professionell singen soll. Zwei Runden Krebs hat es gebraucht, bis sie es gecheckt hat. Dann aber so richtig. Wie Raliza am Krankenbett ihr Lebenselixier Musik wiederentdeckt hat.

Die Uhr schreit 09:00. Es ist immer schön, wenn Interviewpartner:innen auch Morgenmuffel sind. Da muss man sich gegenseitig nichts vormachen. Raliza ist die erste Person, mit der ich an diesem Tag rede. Schlaftrunken halte ich das Gesprächszepter. Aber immerhin sprechen wir beide die Sprache der Musik. Nur beherrscht sie mit Bravour die eine Sache, bei der ich fast ein Jahrzehnt gebraucht habe, um sie zu lernen: Singen.  

Ich frage, ob sie auch eigene Songs schreibt. Sie verneint.  

“Leider, leider. Aber während der Lockdowns habe ich ein Mutmacherkonzert entwickelt. Da erzähle ich meine Krebsgeschichte vor einem Publikum von (Ex-)Krebspatient:innen mit einem Mix aus Sprechen und Coversongs, es ist quasi ein Konzert mit rotem Faden.”  

Ja genau, die Krebsgeschichte! Da war doch was. Ich wache langsam auf. Ich gebe ihr das Gesprächszepter zurück. “Also, wie war das?” Blöde Frage. Besser noch ein Schluck Kaffee. 

“Naja, ich hatte zweimal Krebs – zuerst ein Lymphom, dann Leukämie. Der Arschtritt war wohl nicht doll genug. Ich hab’s beim ersten Mal einfach noch nicht verstanden.” 

“Was denn?” 

“Dass ich mein Leben ändern soll. Muster aufbrechen und endlich singen. Bis dahin hatte ich der Musik immer wieder den Rücken gekehrt.” 

Ah ja, ein eindeutiger Fall von krebsbedingtem Sinneswandel. Raliza beginnt munter zu erzählen, als wäre es ihr Mutmacherkonzert. 

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“All that I want, is to wake up fine”  

… ist die erste Textzeile dieses Songs der Indie-Rock-Band Paramore. Eines Tages poppt der Song wie aus dem Nichts in Ralizas YouTube-Feed auf und sie kann kaum glauben, wie gut der Text zu ihrer Situation passt. Gerade in einer Zeit, in der sie mit heruntergefahrenem Immunsystem in Isolation schwebt. Der Song wurde zu ihrem eigenen, sie singt ihn jeden einzelnen Tag. 

Musik im Blut 

Raliza heißt Raliza, weil ihr Vater Bulgare ist. Und Raliza liebt Musik, weil Musik der Grund ist, warum ihre Familie überhaupt existiert: Ralizas Vater, damals mit seiner Band auf Tour in Ostdeutschland, fröhliche Evergreens spielend, begeistert Ralizas zukünftige Mutter.  

Die daraus resultierenden Kinder übernehmen die Begeisterung. Klein-Raliza singt dem Spiegel inbrünstig Britney Spears vor und nimmt bei einer Kinder-Casting-Sendung teil. Ihr Bruder avanciert zum Musicaldarsteller. Ein Weg, den sie zuerst auch einschlagen will. Mit frischen 17 bewirbt sie sich für die Musicalschule. Die meinte jedoch, es wäre zu früh, sie solle doch nächstes Jahr wiederkommen. Aber Raliza denkt um, studiert stattdessen International Business & Management und lernt Spanisch. Langsam aber sicher kehrt sie der Musik den Rücken zu. 

Raliza macht lustige Figuren in der Natur
Wer Raliza kennt, weiß, dass sie nur so vor Lebenslust sprüht. (Foto: Privat)

En Argentina se vive 

Das obligatorische Auslandssemester führt sie bald nach Córdoba, Argentinien. Schlussendlich bleibt sie dort sieben aufregende Jahre. Ein Semester drangehängt, ein Pflichtpraktikum absolviert, Bachelorarbeit geschrieben, Job bei VW in der Finanzabteilung ergattert, Freunde fürs Leben und Liebe gefunden und Zack! Raliza entwickelt sich zur waschechten Argentinierin. 

Es ist ja auch ein musikalisches Land, das im Zweivierteltakt zu leidenschaftlichem Tango tänzelt. Dementsprechend ist ihr Feuer kurz vorm Wiederentfachen, doch ihr Freund hat etwas dagegen. “Wenn du in einer Band spielst, dann trenne ich mich”. Eine harsche Bedingung, die ihre musikalischen Neigungen vorerst in die eigenen vier Wände verbannen.  

Eines Tages hat Raliza die Schnauze voll. Auf einer gemeinsamen Reise durch Südostasien trennt sie sich von ihrem toxischen Boyfriend, bringt ihn zum Flughafen und er ward nie wieder gesehen. Mit einem Ruck, nach sieben Jahren Pause, fährt ihr der Drang zu musizieren wieder ins Gebein.  

Nach Deutschland zurückzukommen, schien bis dahin keine Option zu sein. Doch plötzlich ist Raliza wieder im Heimatland und entschließt sich, gen Berlin zu ziehen. Um nochmal den Master zu studieren. 

Krebs.v1: Richtungskorrektur 

“Falsche Richtung”, schreit die Weltseele und zeigt es ihr ganz ungeniert: Sofort nach dem Umzug wird Raliza immer schwächer, nimmt binnen kürzester Zeit sechs Kilo ab und schwitzt nachts das Laken voll. Im Krankenhaus schickt man sie auf die komplett falsche Station. Man glaubt an mitgebrachte Viren aus Asien. Erst nach vier Wochen kommt das Ergebnis: Krebs, Lymphom 

Raliza sitzt da schon halb-delirant im Rollstuhl, und auch als irgendeine Stimme “Chemo” sagt, macht es noch nicht ganz Klick. Normal ist ihr Zustand nicht. Er rührt aus einer sekundären Erkrankung, die unbehandelt tödlich enden könnte.

Raliza liegt mit einer Glatze und Port im Krankenhausbett
Auch während ihrer Erkrankung ist Raliza sehr offen mit dem Thema Krebs umgegangen. Um die Gesellschaft mit der Realität von Krebs zu konfrontieren, hat sie die Perücke abgelehnt und ist fortan mit Glatze rumgerannt. (Foto: privat)

Die Chemo ist heftig, aber während dieser Zeit fallen ihr einige Entscheidungen zu: Sie erkennt das Berliner Masterstudium als Holzweg und zieht stattdessen nach Hamburg. Nebenbei taucht die gute alte Gitarre wieder in ihrem Alltag auf.

Schleichend erholt sie sich und stellt sich als Regenerationsaufgabe den benefiziösen Water-Walk von Ruanda nach Uganda. Tragischerweise schafft sie den aber nicht bis zum Ende. Schwellungen am Kopf, ihr ist nicht wohl. Eine Woche später, zurück in Deutschland, tönen ihr folgende Worte entgegen: “Sie haben Leukämie”. Boom! Runde zwei. So weit, so krass.

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“You hold me without touch.
You keep me without chains.” 

Diese emotionale Pianoballade von Sarah Bareilles besingt eigentlich eine ungesunde Beziehung. Gibt man aber die Lyrics in den Kontext von Ralizas Situation, erhält der Song eine völlig neue Bedeutung. Das erkennt auch Raliza, dichtet ihn hier und da ein bisschen um und macht “Gravity” mittels Ukulele zu ihrem persönlichen “Cancer Song”.

Auf der nächsten Seite erzählt Raliza, wie ihr die Musik beim Bewältigen geholfen hat.

Über die Serie

Jeder Mensch hat zwei Leben. Das zweite beginnt dann, wenn du realisierst, dass du nur ein Leben hast, und die Welt sich anders anfühlt. Durch den massiven Eingriff von Krebs & Co findet ein Sinneswandel statt. Falls dein Lebensweg bisher an Sinn vermissen ließ, wird das im Angesicht der Endlichkeit furchtbar klar.

Die Sinneswandel-Serie beschäftigt mit der Vielfalt an Bewältigungsstrategien, die Krebspatient:innen entwickeln, um mit all den weitreichenden Veränderungen umzugehen. Coping ist eine Kunst, und Kunst sensibilisiert die Sinne. Durch unsere Community wissen wir: Manche haben besonders kreative und authentische Ansätze gefunden. Sie haben inspirierende Geschichten gelebt, Prüfungen bestanden, schwere Entscheidungen getroffen – und wir entnehmen die Essenz dieser Lebenswege und gießen sie in tieftauchende Porträts.

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