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Gechmacksstörung bei der Krebsbehandlung
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Krebs schmeckt nicht

Völlig gestört? Wenn es um Monikas Geschmackswahrnehmung während der Chemo geht, kann sie diese Frage mit „JA“ beantworten. Seifiger Geschmack im Mund, seltsame Gelüste und Wasser, das plötzlich süß schmeckt. Oberarzt Dr. David Kuczer erklärt zusätzlich die medizinischen Hintergründe.

Sinneswandel Porträt Monika
Monika auf einen Blick.

Monika kocht gern. Eigentlich. Seit ihrer letzten Chemo machen ihre Geschmacksnerven aber nicht mehr das, was sie eigentlich sollen. Ja, es ist schon um einiges besser geworden. Der Weg dorthin war aber lang und mühsam.

I’ll be back: der Krebs ist zurück

Doch zurück zum Anfang. Wobei das bei dieser Geschichte gar nicht so einfach ist. Denn die Geschmacksveränderungen treten zum ersten Mal erst bei der zweiten Diagnose auf. Ist die andere Erkrankung also gar nicht erwähnenswert? Wir finden schon.

Sie erklärt nämlich, mit welchen Gefühlen, ja mit welchen Erwartungen Monika an die ganze Sache herangegangen ist. Die Jahre zwischen der ersten und der zweiten Diagnose sind geprägt von Angst und Bangen, aber auch von der Hoffnung, alles zu überstehen. Die Kontrolltermine sind stets mit etwas Sorge verbunden. Monika muss sich am Tag des Termins krankschreiben lassen, da der Check-up während ihrer Arbeitszeit stattfindet. „Ich habe noch gescherzt, dass ich gleich wiederkomme. Und bumm. Dann kam der Hammer.“ Doch Monika bleibt zuversichtlich.

Die Behandlung nach der ersten Diagnose kann sie gut wegstecken – so gut es eben geht. Nach zehn Monaten ist Monika wieder voll im Arbeitsleben, bis erneut Brustkrebs festgestellt wird, und nicht mehr ganz so viel Angst da ist. Sie weiß schließlich schon, wie der Hase läuft. Denkste! Es kommt anders als gedacht.

Monika während der Behandlung.
Monika während der Behandlung. (Foto: Monika Doppler)

Krebs & Kater: Gemeinsamkeiten & Unterschiede

Die Biopsie zeigt, dass der Tumor Ähnlichkeiten mit dem ersten hat, aber aggressiver ist. Daraufhin bekommt Monika auch eine härtere Chemotherapie, zusätzlich zu OP und Bestrahlung. Den ersten Tag der Behandlung hat sie als sehr unspektakulär in Erinnerung. „Ich habe mir einen Sitzplatz am Fenster gesucht, damit ich während der Behandlung raussehen kann.“ Sie kennt das Prozedere – und bleibt gelassen.

Auch die Nebenwirkungen an diesem Tag sind nicht neu. Müdigkeit. Sie geht früh schlafen und wacht am nächsten Tag mit einem Gefühl auf, das sich mit einem Kater vergleichen lässt. Natürlich ohne den Spaßfaktor am Vortag. Neben dem Bett steht ein Glas Wasser. Monika trinkt einen Schluck, doch das Wasser schmeckt plötzlich ekelhaft süß. Die Flüssigkeit fühlt sich noch dazu unangenehm im Mund an. Die Geschmacksveränderung hält nur kurz und bessert sich von Tag zu Tag – bis zum nächsten Zyklus.

Was dem Mund gut tut:
Was ihrem Mund jetzt gut tut. (Foto: Monika Doppler)

Sauersüße Geschmacksschwankungen

Ab dem zweiten Zyklus geht es dann richtig los. Das Wasser schmeckt süß, doch es bleibt nicht bei der einen Veränderung. Saures Essen schmeckt auf einmal bitter. Salat mit Essig im Dressing? Keine Chance. Salz kann Monika gleich gar nicht mehr schmecken.  An seine Stelle schleicht sich ein seifiger Geschmack in den Mund, der nicht mehr weggeht.

Der ständige leichte Shampoowassergeschmack verflüchtigt sich zwar nach einer Woche, bis beim nächsten Zyklus alles wieder von vorne startet. Mit  dem Unterschied, dass es immer länger dauert, bis die Symptome verschwinden. Mit dem vierten Zyklus sind sie dann gekommen, um zu bleiben.

Ein Zustand, der einsam macht. Denn ein sozialer Aspekt fällt einfach so weg. „Es macht keinen Spaß, anderen Menschen beim Essen zuzusehen.“ Zwar  ist Monika in dieser Zeit einmal essen gegangen, doch „wenn man es nicht wirklich genießt, dann kann man es auch gleich bleiben lassen“.

Da ist sie also. Monika mit einem Faible für frischgekochtes Essen und Gewürze, die den Großteil davon einfach nur noch ekelhaft findet. Was sie als besonders schräg empfindet? Gelüste verspürt sie trotzdem noch. Wir kennen es alle nur zu gut: Man sitzt am Nachmittag auf der Couch und braucht jetzt sofort ein Stück Schokolade. So fühlt sich Monika auch. Mit dem Unterschied, „dass der Mund den Snack aber gar nicht haben mag“. Sie isst ihn trotzdem. Ob es schmeckt, ist eine andere Frage.

Auf der nächsten Seite gibt’s medizinische Ursachenforschung sowie Tipps und Tricks, mit denen du die Geschmacksveränderungen bewältigen kannst.

Über die Serie

Jeder Mensch hat zwei Leben. Das zweite beginnt dann, wenn du realisierst, dass du nur ein Leben hast, und die Welt sich anders anfühlt. Durch den massiven Eingriff von Krebs & Co findet ein Sinneswandel statt. Falls dein Lebensweg bisher an Sinn vermissen ließ, wird das im Angesicht der Endlichkeit furchtbar klar.

Die Sinneswandel-Serie beschäftigt mit der Vielfalt an Bewältigungsstrategien, die Krebspatient:innen entwickeln, um mit all den weitreichenden Veränderungen umzugehen. Coping ist eine Kunst, und Kunst sensibilisiert die Sinne. Durch unsere Community wissen wir: Manche haben besonders kreative und authentische Ansätze gefunden. Sie haben inspirierende Geschichten gelebt, Prüfungen bestanden, schwere Entscheidungen getroffen – und wir entnehmen die Essenz dieser Lebenswege und gießen sie in tieftauchende Porträts.

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