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So trauert die Welt.
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Ein Blick über den Sargrand – Trauerrituale rund um den Globus

Die Welt ist bunt, der Tod nicht für jede:n das Ende, und Trauern nicht immer schwarz. Blickt man über den Sargrand, fällt relativ schnell auf, dass der Trubel rund um den Tod in vielen Kulturen eine lebensbejahende Angelegenheit ist. 

Unsere kulturell einigermaßen zusammenhängende westliche Welt ist, wenn es ums Trauern geht, ein ziemlicher Party-Pooper. Tendenziell geht es andächtig und deprimiert zu. Mehr oder weniger unbeholfen werden von allen Seiten Beileidsfloskeln zugesprochen. Alle reißen sich artig zusammen und lassen ihre Gefühle höchstens ein bisschen zu.  

Das Leben der im sterilen Krankenhaus verblichenen Person wird gewürdigt, ja. Aber Zelebrieren ist hierzulande nicht gerade üblich. Unsere Rituale sind ein Trauerspiel, was zu einem Teil daher rührt, dass die meisten hier glauben, der Tod sei das unspektakuläre Ende jeglichen Bewusstseins. 

Der Rest der Welt denkt, wer hätte das gedacht, ein wenig anders. 

Also, lassen wir uns doch ein bisschen zu morbidem Frohmut inspirieren, indem wir uns dem Globus widmen, und uns fremdartige Abschieds- und Trauerrituale zu Gemüte führen. Eine gute Prise open mind empfehlen wir übrigens dringlichst! 

„Der Tod ist nicht das Gegenteil vom Leben, sondern ein Teil davon.“
Haruki Murakami

Die Farbe der Trauer… 

…ist schwarz. Logisch, oder? Dunkelheit, was sonst? Mitnichten. Dass die Auffassung vom Verscheiden in manch anderen Kulturen ein wenig positiver ist, drückt sich allein schon durch die Farbe der Kleidung aus. Apropos Farben, mit denen kennen wir uns aus.

In vielen lateinamerikanischen und buddhistisch geprägten Ländern wird zum Trauern nämlich weiß getragen. Auch in manchen westafrikanischen Kulturen ist Weiß die Farbe des Todes. Weshalb Menschen mit weißer Hautfarbe anfangs wohl ziemlich spooky aussahen. China kleidet sich ebenso hell, mit dem ernsteren Dunkelblau als zweite Anziehoption. Im alten Ägypten war’s gelb, vielleicht wegen dem Sonnengott Ra, wer weiß? 

Jamaika: christlich-afrikanisch 

Nine Nights till Seelenfrieden 

Wer glaubt, lebensbejahender kann man den Tod nicht feiern, war noch nie in Jamaika. Eine lustige Fusion aus christlichen und afrikanischen Traditionen führt dazu, dass die Jamaikaner meinen, dass die Seele neun Tage braucht, um sich vom Körper zu lösen.  

Der neuntägige Zeitplan gestaltet sich recht einfach: Acht Tage verbringt die engste Familie Zeit mit dem:der Verstorbenen, während Freund:innen vorbeikommen und Essen und Trost spenden. In Nacht Nummer Neun fallen dann alle Hemmungen. Der Rum füllt die Plastikbecher, der Fisch frittiert sich wie von selbst, und Reggae pulsiert durch basslastige Boxentürme. Die Bande tanzt bis zum Morgengrauen und singt dann und wann eine anständige Gospelnummer. Bis am nächsten Tag die Bestattung stattfindet, welcher der ein oder andere ein bisschen mehr als nur leicht hungover beiwohnt. 

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Für Außenstehende wirkt eine jamaikanische Nine-Night-Party wie vieles, nur nicht wie eine Trauerfeier. (Video: YouTube)

Nordindien: hinduistisch 

Feuer, Wasser, Äther 

Wir drehen enthusiastisch den Globus und legen den Finger aaauuuf… den indischen Subkontinent! Da, wo das Karma über die Form der Wiedergeburt entscheidet und man Rituale durchführt, die die Seele reinigen, bevor sie freigesetzt wird.  

Und das Rezept dazu ist folgendermaßen: Man nehme eine frische Leiche und pfeffert sie auf einen Scheiterhaufen, wo sie noch am gleichen Tag in aller Öffentlichkeit verbrannt wird. Im besten Fall entwendet man das Feuer aus einem heiligen Tempel.  

Der nächste Schritt involviert die Angehörigen, welche den toten Körper fünfmal umrunden – sinnbildlich für die fünf Elemente Feuer, Wasser, Erde, Holz und Metall. Weiters wird der Schädel zerschlagen, damit sich die Seele endlich jeglicher physischen Limitationen entledigen kann. Die Asche drei Tage ziehen lassen und dann in den allseits beliebten Ganges oder diverse andere heilige Gewässer leeren. Voilá. 

(Ob diese Rituale mehr ein Ergebnis der Überpopulation oder des hinduistischen Glaubens sind, sei dahingestellt.) 

Die Stadt Varanasi vom Fluss Ganges aus gesehen.
In Varanasi, der heiligsten Stadt im Hinduismus, verschlingt der Ganges die Asche jeglicher Verstorbenen. (Foto: Pexels/Narin Chauhan)

Amazonas

Semi-Kannibalismus  

Tief im Amazonas, wo sich Brasilien und Venezuela begegnen, haust ein Stamm namens Yanomami – und der isst seine Toten (Asche vermischt mit gekochten Bananen). Ist man noch Kannibale, wenn man Menschen nur isst, wenn sie schon tot sind? Hmmmm. Naja, jedenfalls hat der Leichenschmaus auch einen gutgemeinten Zweck. Damit wollen die Angehörigen nämlich die positiven Seelenanteile der verstorbenen Person in sich aufnehmen und sie somit erlösen. Buen provecho, guten Appetit! 

Madagaskar: christlich-animistisch 

Leichenwenden 

Während die Mexikaner:innen die Leichen im Grab lassen, heben die Madegass:innen die Totenfeier wortwörtlich auf ein höheres Level und holen ihre verwesten Angehörigen alle drei bis sieben Jahre aus den aufwendig gestalteten Gruften. Und dann? Wird gefeiert, natürlich! Aber auf einer Feier muss man ja ordentlich aussehen, deswegen werden die Ex-Lebenden erstmal neu und hübsch eingekleidet (und hoffentlich auch parfümiert!).

Der Feierei geht meist aufwendige, monatelange Arbeit voraus, aber das hängt auch alles von den finanziellen Mitteln der Familie ab. So ganz ohne Hintergedanken machen die Lebenden das aber nicht. In Madagaskar munkelt man nämlich, die Toten könnten zu Gott sprechen. Und so treten jene mit zuverlässigem Herzschlag an die Erkalteten heran und bitten sie, ihre Nachrichten zu überbringen. Die Toten dienen quasi als Vermittelnde für die ganze Familie. Schon nützlich. 

Nach dem Tod gibt es als Abtretende:r nicht mehr viel zu tun. Aber dafür gibt es vor dem Tod einiges zum Vorbereiten.

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Die Madegass:innen pflegen ihre Leichen gut zu pflegen. (Video: YouTube)

Warum mancherorts Tote noch monatelang daheim residieren, erfährst du auf Seite 2.

Über die Serie

Oh nein, nächstes Tabuthema auf Kollisionskurs! Als ob Krebs nicht ausreicht. Machen wir uns nichts vor: Krebs wird direkt mit Sterben, Tod und Trauer in Verbindung gebracht, auch wenn viele Krebserkrankungen gar nicht tödlich sind. Geht’s doch schließlich ums Abschiednehmen, das alte Leben loslassen.

Wer uns kennt, weiß, dass wir alles locker, aber nichts auf die leichte Schulter nehmen. Schon gar nicht das Lebensende. Scheiden tut weh, keine Frage, und den Löffel abzugeben ist nicht lustig, aber wer zuletzt lacht, soll am besten lachen. Lass uns gemeinsam ins Gras beißen! Wie, das erfährst du in dieser Serie.

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