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Der letzte Weg
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Wie kann ich mich auf das Sterben vorbereiten?

Was will ich vor dem Tod erledigt haben? Worum möchte ich mich noch kümmern? Was ist mir wichtig am Lebensende? Wir sagen dir, wie du auch auf deinem letzten Weg selbstbestimmt bleibst.

Niemand redet über den Tod. Aber über das Sterben reden noch viel weniger Menschen. Dabei gehören Tod und Sterben genauso zum Leben wie Zeugung und Geburt. Denn mit unserem Erscheinen in dieser Welt ist vorherbestimmt, dass wir sterben und irgendwann tot sein werden. Wir Kurvenkratzer lieben es, über Tabus zu sprechen, weshalb es heute ums Sterben gehen soll.

„Du kannst dir nicht aussuchen, wie du stirbst. Oder wann. Du kannst nur entscheiden, wie du lebst. Jetzt.“
Joan Baez

Die fünf Versäumnisse

Ist es nicht zu spät, wenn erst auf den letzten Metern die Einsicht kommt? Die Australierin Bronnie Ware, ehemalige Palliativkrankenschwester und heute Autorin, schreibt in ihrem Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ über fünf große Versäumnisse, die Menschen auf dem Sterbebett plagen:

  1. „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie es andere von mir erwarteten.“
  2. „Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.“
  3. „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.“
  4. „Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten.“
  5. „Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude gegönnt.“

Sie plädiert dafür, schon zeitlebens gegenzusteuern und entsprechend zu handeln. Überlege: Was wäre, wenn du die gleichen oder ähnliche Wünsche hast, und diese ab sofort in die Tat umsetzt?

Infografik mit Text zu „Ein Bewusstes Leben“, frei nach dem Buch von Bronnie Ware.
Ein bewusstes Leben zu führen, ist eigentlich total simpel (in Anlehnung an Bronnie Ware: „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“). Grafik: Kurvenkratzer, Foto: Unsplash/Adrian

Das Lebensende planen

Weißt du, was eine Patientenverfügung ist? Hast du bereits die Bankvollmacht geklärt? Diese Formulare sind großteils standardisiert und im Hospiz- und Palliativbereich wird beim Ausfüllen geholfen. Um juristischen Streitfällen vorzubeugen, ist es ratsam, solche Patientenvollmachten notariell zu beglaubigen. Du siehst, die Frage, „worum möchte ich mich vor meinem Tod noch kümmern?“, ufert schnell aus – womit wir dich keinesfalls verunsichern möchten.

„Wir müssen immer lernen, zuletzt auch noch sterben lernen.“
Marie von Ebner-Eschenbach

Franco Rest, Professor für Erziehungswissenschaften, Sozialphilosophie, Sozialethik, Pflegewissenschaft hat sich noch viel eingehender mit der Fragestellung beschäftigt, wie das Lebensende geplant werden kann. In seinem Entwurf einer „Spirituellen Verfügung“ (die wir am Ende verlinken) fokussiert er sich auf das Zwischenmenschliche und den Umgang mit den eigenen Emotionen im bisherigen Leben. Lass dich nicht von der geistigen Wortwahl abschrecken, es geht darin nicht vordergründig um Religiöses, sondern um ein selbstbestimmtes Abschließen.

Mensch auf dem Rücken eines Felsens in der Abenddämmerung.
Selbst im Sterben sind wir nicht alleine, denn uns alle ereilt das gleiche Schicksal. Foto: Unsplash/Trail

Die letzte Reise gestalten

Wer soll bei dir sein, wenn du stirbst? Möchtest du bei der Abschiedsfeier selbst noch anwesend sein (oder lieber ganz klassisch nach dem Tod eine Trauerfeier haben)? Willst du eine letzte Party schmeißen? Die geliebten Menschen ein letztes Mal versammelt sehen? Willst du gemeinsam mit ihnen lachen und weinen? Welche Musik soll dabei laufen? Wer soll eine Rede halten oder einen Text vorlesen? Was soll nach deinem Tod mit deinem Körper passieren?

„Das Leben ist wundervoll. Es gibt Augenblicke, da möchte man sterben. Aber dann geschieht etwas Neues, und man glaubt, man sei im Himmel.“
Édith Piaf

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Bestattungsunternehmen im deutschsprachigen Raum, die sich mit diesen und vielen weiteren Fragen beschäftigen. The Funeralists aus Berlin, gegründet von Barbara Till und Alexandra Kossowski, nimmt hier eine Vorbildwirkung ein. Ihre Arbeit, die durch das „Trauercoaching“ geprägt ist, besteht genau darin: „Wir geben Raum und Zeit für individuelle Abschiednahmen“, heißt es von den Gründerinnen. Ihnen ist ein Anliegen, „bei all der Trauer und Schwere auch warme Momente der Erinnerung und des Abschieds entstehen zu lassen.“

In unserem Podcast „Let’s talk about Krebs, Baby!“ haben wir mit The Funeralists über den dystopisch erscheinenden Satz „Wir werden alle sterben!“ gesprochen. Barbara Till und Alexandra Kossowski motivieren uns alle, recht pragmatisch damit umzugehen. Hör jetzt rein.

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Der letzte Weg

Sich auf den ultimativen Weg zu begeben, ist schmerzhaft, keine Frage. Er kann aber auch wohltuende Momente haben, wenn du weißt, dass alles – so gut wie eben möglich – abgeschlossen ist. Natürlich geht das nicht immer, und wie bei der Krebserkrankung auch oft nur im Rahmen deiner persönlichen Umstände. Das ist aber kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken, denn auch auf den letzten Metern kannst du dir ein gewisses Maß an Selbstbestimmtheit behalten.

Bunt mit Blumen geschmücktes Fahrrad.
Den Abschied aus dem Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten kann das Gefühl von Wirksamkeit vermitteln – nach dem Kontrollverlust einer Krebserkrankung essentiell. Foto: Unsplash/Matthew T Rader

Quellen

Titelfoto: Unsplash/Fer Gomez

Über die Serie

Oh nein, nächstes Tabuthema auf Kollisionskurs! Als ob Krebs nicht ausreicht. Machen wir uns nichts vor: Krebs wird direkt mit Sterben, Tod und Trauer in Verbindung gebracht, auch wenn viele Krebserkrankungen gar nicht tödlich sind. Geht’s doch schließlich ums Abschiednehmen, das alte Leben loslassen.

Wer uns kennt, weiß, dass wir alles locker, aber nichts auf die leichte Schulter nehmen. Schon gar nicht das Lebensende. Scheiden tut weh, keine Frage, und den Löffel abzugeben ist nicht lustig, aber wer zuletzt lacht, soll am besten lachen. Lass uns gemeinsam ins Gras beißen! Wie, das erfährst du in dieser Serie.

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