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Seltene Krebserkrankung
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Peniskrebs mit 36: „Es ist nicht alles so schwarz wie gedacht“

Stefan Kübler entdeckte eine geschwollene Eichel, aber an Krebs dachte er nicht. Ein Gespräch über die unerwartete Peniskrebs-Diagnose, Schamgefühle und Männlichkeit, sowie übers Ausreißen von Bäumen.

Seite 2/2: Ist mit einer Krebserkrankung noch Lachen erlaubt?

Dem Kontrollverlust mit Humor entgegenwirken

„Humor hat die positive Auswirkung, dass man einen anderen Blickwinkel auf die gesamte Geschichte bekommt.“ Es sei unterhaltsam, die vielen skurrilen Situationen, die eine Krebserkrankung mit sich bringt, auf die Spitze zu treiben und spaßhaft zu schildern. „Mit Humor ist das Ganze leichter zu nehmen.“

Stefan beobachtet erst einmal, in welche Richtung sich die Krankheit entwickelt. Deshalb beginnt er nicht direkt nach der Krebsdiagnose, darüber zu schreiben, sondern erst nach Abschluss der Behandlung. Heute sei es ein Hobby, in der Rückschau die lustigen Banalitäten herauszusuchen.

Mann vor einem Schild der Universitätsmedizin Rostock.
Stefan nach der dritten Operation. Er lächelt. Heute sagt er: „Humor ist ein Instrument, die Krankheit besser zu ertragen.“ Foto: Privat

Stefan fällt es gewöhnlich leicht, zu lächeln. Es ginge darum, trotz schwieriger Lage die gute Stimmung zu behalten, und es sei ein Signal an das Gegenüber: „Es ist nicht alles so schwarz wie gedacht“. Wenn der Tag grauer ist als sonst, hilft er sich mit aktivem Lächeln, zum Beispiel vor dem Spiegel, oder indem er im Auto zu Heavy-Metal-Musik laut mit grölt.

Der Schock der Diagnose sitzt aber tief. Wegen der vielen Unsicherheiten findet der Humor während der aktiven Erkrankung vorübergehend wenig bis keinen Platz. Dennoch beschließen er und seine Frau damals: „Das wird wieder gut.“

In den Körper hineinhören

Obwohl er nach der Behandlung voller Zuversicht ist, enttäuscht ihn, dass der psychologische Aspekt nach einer Krebserkrankung zu kurz kommt. „Man ist ziemlich verwirrt, fragt sich: ,geht es mir so, wie ich denke?‘, oder ist es nur Zweckoptimismus?“ Er befürchtet, dass es ihm nicht immer so gut gehen wird mit der Erkrankung. „Ein psychoonkologisches Erstgespräch sollte standardmäßig zur Nachsorge dazugehören, denn Krebs ist definitiv ein Trauma.“

Heute lebt Stefan Kübler glücklich im fünften Nachsorgejahr und ist sehr zuversichtlich, endgültig geheilt zu sein. Dem befürchteten psychischen Zusammenbrechen konnte er durch die Neuausrichtung seiner Lebensführung vorbeugen. „Es gab einige Dinge in meinem Leben, die nicht gepasst hatten. Die passen jetzt.“

Laufender Mann beim Halbmarathon Bremen.
2019 in Bremen läuft Stefan Kübler den Halbmarathon in 2:12 und trainiert seither für den ersten Marathon. Foto: Privat

Würde er etwas anders machen, wenn der Krebs zurückkäme? „Nein, ich war schon damals früh beim Arzt. Aber ich wäre von Anfang an ein bisschen optimistischer.“ Er habe gelernt, in den Körper hineinzuhören und sich weniger Sorgen zu machen.

„Der Penis funktioniert wieder voll.“ Er kann auch wieder im Stehen pinkeln, durch die veränderte Struktur der Harnröhre entsteht aber mehr ein Sprühregen als ein Strahl. „Ich kann wieder Sex haben und ein Kind haben wir auch bekommen.“

Babyfüße.
Neben der Krankheitserfahrung hat seine vier Monate alte Tochter Lea die Prioritäten des Lebens stark verändert. „Sie ist ein großer Gute-Laune-Faktor.“ Foto: Privat
Mann mit Brille.

Foto: Privat

Stefan Kübler war Reporter beim NDR und der Celleschen Zeitung und ist heute Redakteur beim Innovationszentrum Niedersachsen. Er reist gerne und schreibt seit einigen Jahren humoristische Beiträge auf dem Blog „Der neue Stefan“.

Seit seiner überstandenen Erkrankung an Peniskrebs spricht er öffentlich über die relativ unbekannte Krebsart. Er möchte als Krebsblogger andere darüber informieren und besonders Männer für Vorsorgeuntersuchungen motivieren.

Der Halbmarathonläufer holt sich Kraft für schwierige Lebenslagen durch regelmäßigen Sport, wenn er im Auto auf dem Weg zum Supermarkt drei Heavy-Metal-Songs hört und laut mitsingt, sowie bei seiner 2020 geborenen Tochter.

Mehr Ehrlichkeit sich selbst gegenüber

Seit der Erkrankung bedeutet es ihm nicht mehr so viel, einen Job mit hohem Verdienst und Prestige zu haben. „Einschneidende Schläge verändern die Prioritäten. Ich überlege genauer, was mir wichtig ist im Leben und wie ich mit Menschen umgehe.“ Bei der Arbeit sei nun relevant, dass sie ihn erfüllt und Spaß macht. Das Stressempfinden sei sensibler und er lege eine andere Ehrlichkeit sich selbst gegenüber an den Tag.

Stefan genießt es, seine Zeit mit der Familie und im eigenen Garten zu verbringen. Er reißt gerne verwachsene Bäume aus, pflanzt Gemüse und freut sich, selbstgezogene Zucchini in die Sauce für Spaghetti Bolognese zu mischen. Ähnlich einer Krebserkrankung ist auch die Gartengestaltung für ihn learning by doing. „So tief man am Anfang in ein Loch hineinfällt“, sagt Stefan Kübler heute, „so hoch kann man auch wieder daraus hervorgehen.“

Mann bei der Gartenarbeit.
Aus dem Fenster in den Garten gucken und darin herumlaufen ist Stefan wichtig und er entwickelt sich immer mehr zum Gartenfreak. Foto: Privat
Über die Serie

Stark sein? Runterschlucken? Das Schicksal ertragen? Wir von Kurvenkratzer bekommen latenten Brechreiz, wenn wir derartige Sprüche hören. Und warum flüstern wir, wenn wir über Krebs reden? Ja, Krebs ist in unserer Gesellschaft leider noch immer ein Tabu. Studien zufolge trifft aber jeden zweiten Menschen im Laufe seines Lebens eine Krebserkrankung. Krebs ist also alles andere als eine gesellschaftliche Nische.

In unseren Interviews sprechen wir mit Menschen, die Krebs am eigenen Leib erfahren haben oder nahe Betroffene sind. Wir reden mit ihnen über den Schock, den Schmerz, Hilfe zur Selbsthilfe, Humor und Sexualität, sowie darüber, wie es gelingt, Mut und Hoffnung zu finden. Damit möchten wir dich motivieren: Wenn du das Gefühl hast, über deine Erkrankung sprechen zu wollen, dann tu es. Du bist nicht allein.

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